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Ein aussergewöhnlicher (Tweed)Anzug an einem gewöhnlichen Freitag

Er gilt als formell. In Zeiten des Casual Looks sind dem Träger eines Anzugs keine Grenzen in dem WIE gesetzt. Vom eleganten Businessman bis zum tätowierten Hipster tragen ihn heute viele Männer auf sehr individuelle Weise.

Wenn man sich in Bielefeld umsieht, scheint die Zeit des Anzugs vorüber zu sein. Die Eleganz hat Platz für den Casual Look gemacht. Männer im Anzug sieht man meist nur noch in der Mittagspause auf der Straße. Doch wie ist diese Entwicklung zu beurteilen? Wird der Anzug bald seinen Weg zurück auf die unendliche Straße der Mode finden oder muss er wegen des Casual Looks eine lange Umleitung nehmen? Jörg Göbel, Inhaber der Boutique Van Laack in Bielefeld, hat da ein eindeutiges Statement zu.

Als ich zum zwölften Glockenschlag den Herrenausstatter Van Laack betrete, merke ich bald, dass die Uhr für Anzüge noch nicht zwölf geschlagen hat. Und so bin ich sehr gespannt, was Jörg Göbel mir über die heutige Stellung des Anzugs zu sagen hat.

Die Bielefelder scheinen im Großen und Ganzen modisch zu sein. Nicht nur, wenn man den Aussagen auswärtiger Van-Laack-Kunden aus Hamburg oder Berlin traut. Und so traue ich auf jeden Fall meinen Augen, als Jörg Göbel zum Interviewtermin freitags in einem stilsicheren Tweedanzug erscheint. Ein eindrucksvoller Protest am und gegen den Casual Friday, von dem er persönlich nicht viel hält. „Viele Menschen hätten wohl gerne jeden Tag den Casual Friday, auch wenn er eine Vernachlässigung der Kleiderkultur bedeutet und eine modische Abwärtsspirale sein kann.“ Denn der Casual Friday gewährt seit den 50ern ein Abrücken vom sehr eleganten Dresscode im Berufsleben durch erlaubte Freizeitkleidung im Büro. Die Schuld hierfür sieht er in der heutigen Gesellschaft, die, wie der Anzug, eine starke Entwicklung hinter sich hat. Diese Entwicklungen bedingen sich zum Teil gegenseitig, wie man an der Geschichte sehen kann.

Ein geschichtsträchtige KleidungsstücK

Der Anzug hat eine lange Geschichte hinter sich. Sie beginnt im 17. Jahrhundert in England, wo der Vorläufer des Herrenanzugs beim Reiten oder beim Sport getragen wurde. Dieser entwickelte sich weiter und verdrängte nach und nach die prunkvolle Kleidung des Adels. Die Passformen wurden natürlicher und die Farben schlichter, sodass er sich auch bald in der Bürgerschicht durchsetzte. Durch die industrielle Konfektionierung wurde er preiswerter und für alle Schichten bezahlbar.

Van Laack Storemanager Jörg Göbel. Kein Freund vom Casual Friday.

Dass sich jeder auch einen Anzug leisten wollte, war vor allem dem Wandel des modischen Geschlechtsbildes geschuldet. Die Frauenmode rückte in den Vordergrund. Es fand ein Wandel der modischen Geschlechtsbilder statt. Nicht mehr der Mann, sondern die Frau stand in ihrem Erscheinungsbild für die gesellschaftliche Stellung der Familie. Die Frau in ihren prunkvollen Kleidern repräsentiert – der Anzug war der elegante aber unauffällige Gegenpart. Er wurde in den Alltag integriert und als gängiges Kleidungsstück fast aller Männer standardisiert. Nun setzte er sich vor allem im Bürgertum und in der Arbeiterschicht durch.

Im heutigen Alltag ist der Anzug nicht mehr so verbreitet wie bis Anfang der 60er Jahre. Hiernach kam die Hippiekultur auf, die einen lockeren und freizügigen Lebens- und damit auch einen lockeren Kleidungsstil propagierte. Die meisten Anzugträger galten, einfach gesagt, als Spießer. Von diesem kulturellen Schock konnte sich der Anzug und seine Verbreitung nur bedingt erholen. Die Rockstars der 70er&80er und die Rapper der 90er deklarierten den Anzug meist als nicht zeitgemäß und „uncool“. Stattdessen setzten sich Jeans und Jogginghosen durch.

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Der Casual Look. Jacket, Jeans, Hemd und Ringelpullover.

Der Anzug heute

Diese Ansichten haben sich bis heute vor allem in den kleineren Städten noch nicht geändert. Laut Göbel kommen sich die meisten Menschen durch den in der Werbung als locker propagierten Kleidungsstil kostümiert vor, wenn sie einen Anzug tragen. Und so greifen sie lieber zu einem lässigeren Look, um ja nicht aufzufallen. Oder bloß niemanden auf den Schlips zu treten – auch wenn die Krawatte manchmal in der Bielefelder Innenstadt so oft gesehen wird wie ein Säbelzahntiger.

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Berufsbedingter Kleidercode. Anzugträger in Bielefeld.

Ein Anzug ist im Alltag meist zu Anlässen wie Oper oder im Theater oder in bestimmten Berufszweigen aufzufinden. Jedoch steht auch hier seit den letzten Jahren nicht mehr der Anzug im Scheinwerferlicht. Die Zuschauer, als Schauspieler auf der modischen Bühne des Lebens, bevorzugen auch im Theater eher einen lässigen Look. Das liegt u. a. daran, dass das Theater nicht mehr nur dem Bildungsbürgertum vorbehalten ist. Bis in die 1970er Jahre gehörte es im Westen Deutschlands zum Dresscode, sich im Theater  formell zu kleiden. Das Theater besuchten hauptsächlich Gebildete und besser Verdienende. Dies hat sich Dank staatlicher Subventionierung geändert. Damit einher geht, dass der Casual Look seit den 1980er Jahren gesellschaftsfähig wurde (Joschka Fischer von den Grünen brach den konventionellen Dresscode mit Sneakern und Jeans im Bundestag) und den Anzug ersetzte.

Die durch Kleidung gesetzten Unterschiede haben sich in den  letzten Jahrzehnten mehr und mehr aufgelöst. Bildung ist für alle Gesellschaftsschichten möglich. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb der Casual Look nach und nach den Anzug im Theater verdrängt; denn mit denen kommen sich viele im Vergleich zu den anderen overdressed vor.

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Ein Kompromiss zwischen formell und casual. Anzugstoffe aus Jersey.

Von daher sind Anzüge im Stadtbild nur noch vereinzelt, im Beruf oder auf feierlichen Anlässen wie Hochzeiten anzutreffen. Einige Männer finden es deshalb gar nicht mehr nötig einen Anzug zu tragen oder gar zu besitzen. Durch die Lockerung des Dresscodes erübrigt sich für viele der Kauf eines Anzugs. Oftmals setzen diese Männer am bunt durcheinander gewürfelten Spieltisch der Mode, auf legere Kombinationen. Ein dunkles Sakko mit Jeans und T-Shirt ersetzt den Anzug mit Krawatte und Hemd. Heutzutage ist dies ein legerer wie legitimer Look, der gut aussehen kann.

Der Herrenanzug wird nie ganz verdrängt, glaubt der Inhaber des Bielefelder Van-Laack-Stores. Manager und Politiker der konservativen Parteien tragen ihn eigentlich immer. Die jüngere Generation entdeckt ihn mehr und mehr für sich. Sie kauft sich auf dieser noch jungen Entdeckungsreise einen nagelneuen Anzug für die Hochzeit oder den Abiball in Bielefeld.

Kritisch sieht der Herrenausstatter, dass diese Anzüge meistens von der Stange gekauft werden – also genormte Konfektionsware. „Der Großteil der Menschen ist nicht so gebaut, wie die Normalgröße es vorsieht“, erzählt er. Männer, die vorteilhafter und individueller aussehen wollen, sollten zu einem Maßanzug greifen. Denn ein Maßanzug lässt sich auf die jeweilige Figur anpassen und so auch in dieser Hinsicht sehr stark individualisieren. Dabei ist ein Maßanzug nicht wesentlich teurer als ein schlichter Konfektionsanzug von der Stange, den „Sie eh immer noch nachkorrigieren müssen“.

Ein alter Trend wird hip

Tatsächlich sieht es gegenwärtig so aus, als würden wieder mehr Menschen diesem Rat folgen. Maßkleidung ist wieder im Kommen. Besonders in Großstädten wie Berlin hat sich seit mehreren Jahren der Cut am Scanner für den modernen Gentleman durchgesetzt. Auch wenn man sich momentan den Casual Look aus dem Alltag nicht mehr wegdenken kann, sorgt ein neues Modebewusstsein für ein Umdenken. Die Menschen streben besonders in den letzten Jahren nach Individualität. Dieser Trend scheint sich auch in der Mode durchzusetzen, sodass Anzüge sich wieder durchsetzen. Denn gerade in Zeiten von Casual Looks sind die individuell geschnittenen und designten Anzüge ungewöhnlich und können eine persönlichere und auffallendere Note haben als Jeans und Sneaker.

Denn erst das Aufkommen und Durchsetzen dieser hat den Anzug und sogar das Hemd für viele zu elegant gemacht. Erklären lässt sich diese Entwicklung mit der gesellschaftlichen Entwicklung, denn Mode ist immer der aktuellste Spiegel der Gesellschaft. Und wenn man auch nur kurz in diesen Spiegel sieht, lässt sich eins erkennen: Wir leben in einer Konsumgesellschaft, eine Wegwerfgesellschaft, die schnell etwas Neues haben will. Einen Anzug muss und kann man aber nicht ständig wechseln, da er dafür zu teuer ist. Hinzu kommen die Reinigungskosten, sodass die meisten Männer eher pragmatischer denken. Dass dieser pragmatische Umgang mit Mode dazu führt, sich eher casual in geringerer Qualität zu kleiden, stört die wenigsten. Entscheidend ist vielmehr der Preis und nicht immer die Qualität. Dieses Konsumdenken wird von vielen Modefirmen unterstützt, in dem sie größtenteils bzw. ausschließlich schnell konsumierbarer Mode produzieren. Denn mit Anzügen lässt sich wahrlich nicht soviel verdienen, wie mit ständig wechselbaren Kleidungsstücken. Schnelle Mode, auch Fast fashion genannt ist somit der Garant für regelmäßige und hohe Einnahmen. Die Einnahmen werden zudem durch die Werbekampagnen der Hersteller hochgetrieben. Sie zeigen dabei nicht Eleganz, sondern Lässigkeit. Der Anzug wird nach und nach verdrängt, sodass viele einen Anzug völlig zu Unrecht als unlässig und unspießig empfinden.

Eine neue Ära beginnt

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‘Herr von Eden‘ verleiht dem Anzug ein neues Image.

Diese Einstellung scheint sich nun zu ändern. Neben Van Laack definieren auch Modedesigner wie Bent Angelo Jensen  von  dem Label „Herr von Eden“ das Image des Anzugträgers neu. Dieses Modelabel setzt nicht auf klassische Schnitte, sondern auf ungewöhnliche und vielleicht sogar gewöhnungsbedürftige Farben und Designs. B. A. Jensen entstaubt den Anzug und das veraltete Image seines Trägers durch ungewöhnliche Werbe- und Fotokampagnen. Auf diesen sind nicht nur unkonventionelle Anzüge mit noch moderneren Schnitten zu sehen. Auch der Typ Mann, der auf diesen Bildern den Anzug trägt, vermittelt ein ganz anderes, vielmehr revolutionäres Bild vom Anzugträger. Es müssen nicht immer nur die glatt rasierten und glatt gegelten Männer sein, die einen Anzug tragen. Auch vermeintliche, gesellschaftliche Rebellen mit Piercings, lackierten Fingernägeln und Tätowierungen am ganzen Körper können Anzüge tragen. Heute trägt jedermann einen Anzug.

Ein Mann in einem Anzug sieht immer gut aus, egal ob er konventionell oder wild ist. Der als veraltet verurteilte Anzug kommt heute weniger formell als trendig rüber.

Bei Herr von Eden ist alles dabei, von Leopardenmustern bis hin zu schlichten Anzügen. Auch den dazu passenden Accessoires sind keine Grenzen gesetzt. Knallrote Stiefel mit knallblauem Schal zu grauen Nadelstreifen oder auch eine Melone zu einem Smoking – alles scheint möglich. Und so ist es nicht mehr unmöglich einen Anzug zu tragen. Herr von Edens Anzüge sind meist jedoch wenig alltagstauglich, da sie zu auffällig sind und sich wenige Menschen das zutrauen. Jedoch ist es egal, ob man dann zu einem eleganten Anzug wie bei Van Laack greift oder einen lockeren wie bei Herr von Eden. Eins steht fest: Der Anzug ist in den Großstädten wieder alltagstauglich. Anzugträger sind schon bald auch in kleineren Städten keine Spießer mehr, sondern vielleicht sogar Retrotrendsetter. Das kann jedoch dauern, bis sich dieser Look auch in Städten wie Bielefeld durchsetzen wird.

Der Anzug ist auf jeden Fall wieder alltagstauglich und schränkt kaum noch die Individualität ein, da man ihn facettenreich tragen kann. Van Laack bietet als einer von wenigen Konfektionsmaßschneidern die Möglichkeit, diesen Trend auch hier durchzusetzen. Das bleibt sehr zu hoffen, denn der Trend zum Anzug macht das Stadtbild vielfältiger und auch modischer und lässt Spielraum für ein neues Männerbild. Auch Männer dürfen modisch sein, auch Männer dürfen Wert auf ihr Äußeres legen. Beim Casual Look kommt das nicht so gut rüber, wie mit einem vernünftig sitzenden Anzug.

Da der Anzug anscheinend niemals komplett aus der Mode kommt, kann er für jedermann eine Investition fürs Leben sein. Auch wenn er für Jörg Göbel nicht zwangsläufig Stil oder Modebewusstsein bedeuten muss. Ein Anzug verleiht seiner Meinung nach nur Glanz und Eleganz, wenn nicht jeden Tag derselbe getragen wird. Das ist für Jörg Göbel schade, denn „viele Menschen tragen oft nur das, worauf sie auch eine Bestätigung bekommen“. Sie variieren nicht und werden hierdurch nur noch auf wenige Kleidungsstücke reduziert. Das kann vor allem passieren, wenn man nur noch einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd trägt beim Beruf. Dabei bietet Mode einen großen Spielraum, in dem man viel Platz für Stilbewusstsein hat. Dennoch spielen einige Menschen In diesem städtischen Spielraum aber noch nicht alle ihre modischen Trümpfe aus. Auch wenn Jörg Göbel die Ansicht seiner Kunden teilt, sieht er auch hier in Bielefeld bei einigen Menschen noch Potenzial. Denn auch wenn die Bielefelder vielen Trends folgen, ist nicht jeder modisch. Besonders, wenn die Trends die Menschen nachlässig und schlecht aussehend erscheinen lassen. Diese Gefahr sieht er vor allem beim Casual Look, der sich diesen Winter seiner Ansicht nach wohl durchsetzen wird.

Auch wenn sich Stil und Mode kontrovers diskutieren lassen, geht es dem Boutique-Besitzer vor allem darum, möglichst authentisch zu sein, möglichst viel auszuprobieren. Wolfgangs Joop Zitat „Mode ist ein täglicher Karneval“ nimmt für ihn den gesellschaftlichen Druck von der Mode. Man solle sich ruhig einiges zutrauen, Mode genießen und sich nicht vor den Urteilen anderer fürchten. Also sollte man sich ruhig einen Anzug zutrauen. Auch einen aus Tweed. Auch an einem Casual Friday.

Fotos: PR Herr von Eden, Nils Langenhop

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden.

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