Ziele einfädeln – Besuch einer Näherei in Argentinien

Fairer als fair produzierte Kleidung? Das gibt es, manchmal, ohne dass jemand davon weiß oder dass ein Vorteil daraus gezogen werden kann. Einfach nur, weil das entsprechende Etikett fehlt. Besuch in der Nähwerkstatt „Enhebrando Metas“ in Argentinien. Hier lassen große nationale Marken unter vorbildlichen Bedingungen nähen, ohne dass der Käufer etwas davon mitbekommt.

Meine Recherche zur Geschichte und Gegenwart des Baumwollanbaus in der argentinischen Provinz Chaco ist abgeschlossen. Bevor ich zurückfahre nach Buenos Aires, besuche ich für zwei Tage die Nachbarprovinz Santa Fe. Santa Fe, ebenfalls eine Baumwollregion, ist wohlhabender als der Chaco, hier hat sich textilverabeitende Industrie angesiedelt. Wohlhabender als der Chaco heißt aber noch lange nicht, dass es hier keine Armut gäbe. Junge Frauen aus den Randgebieten, die oftmals in prekärsten Verhältnissen leben, bekommen in der Nähkooperative „Enhebrando Metas“ (Ziele einfädeln) würdige Arbeit und eine neue Chance. Die Kooperative mit Sitz in der Stadt Avellaneda arbeitet auf hohem industriellen Niveau und fertigt Konfektionskleidung für namhafte argentinische Marken, wie MIMO&CO, CHEEKY, GRISINO, VER, JUANA DE ARCO.

Eine der Gründerinnen der Kooperative ist Victoria López, eine energische, ideenreiche Frau, die der Nähwerkstatt derzeit als Präsidentin vorsitzt. Ich darf mich frei in den großen, hellen Räumen der  Kooperative bewegen, mit den Frauen sprechen, alles anschauen und aufnehmen. Ein Radio dudelt, Bügeleisen zischen, Maschinen rattern. Die Näherinnen arbeiten in kleinen Gruppen. Sie wirken konzentriert, aber nicht gestresst. Victoria lädt mich ein, mir in ihrem Büro bei einem Mate all meine Fragen zu beantworten.

 

Kannst du mir zunächst ein bisschen von dir selbst erzählen, von deinem Weg?
Victoria: Mein vollständiger Name ist Maria Victoria López. Ich wurde 1974 in Santa Fe geboren. Darum fühle ich mich dem Norden Argentiniens sehr verbunden. In Rosario habe ich Kunst auf Lehramt studiert. Danach begann ich zusammen mit meinen beiden Schwestern eigenes Textildesign zu entwickeln. Wir machten handgewebte Kleidungsstücke und nannten uns „Las López“. In diesem Kontext traf ich Leute aus der regionalen Textilbranche.

Wie kam es zur Gründung von „Enhebrando Metas“, und was war die Idee dahinter?
Victoria: Ich sage immer, es begann zufällig. Die Kooperative wird jetzt 5 Jahre alt, aber auch vorher schon hatten meine Schwestern und ich eine kleine Werkstatt, in der wir anderen beigebracht haben, industriell zu nähen. Dann bekamen wir einen Zuschuss, mit dem wir ein paar Maschinen kauften, die wir den Frauen mit nach Hause gaben. Mit der Zeit – wir arbeiteten schon so mit 20 Näherinnen – haben wir erkannt, dass die Arbeit von zu Hause aus nicht unbedingt von Vorteil war. Also versammelten wir uns und schlugen vor, die Kooperative zu gründen. Weißt du, die Konfektionsbranche ist in Argentinien nicht sehr vertrauenswürdig. In der Regel wird diese Arbeit in geheimen Werkstätten von Einwanderern aus Peru, Bolivien oder Paraguay unter sklavenähnlichen Bedingungen erledigt. Mit der Kooperative wollten wir eine Konfektionswerkstatt aufbauen, die in unserer Gegend würdige Arbeit schafft. Nach wie vor ist die industrielle Konfektion im Wesentlichen Handarbeit.

Ich weiß, dass Kooperativen in Argentinien Tradition haben, habe das Prinzip aber nie ganz verstanden. Kannst du es mir erklären?
Victoria: Eine Kooperative ist ein autonomer Zusammenschluss von Menschen zu einer gemeinsamen, demokratisch geführten Firma. Das höchste Organ ist die Gesellschafterversammlung, die wiederum den Verwaltungsrat wählt. Dieser führt die Kooperative für einen festgelegten Zeitraum. Das ist anders als bei einer normalen Firma, die aus einem Eigentümer und seinen Angestellten besteht und deren ausschließliches Ziel es ist, Gewinne zu erwirtschaften. Zwar sind auch wir gewinnorientiert, gleichzeitig aber möchten wir uns den sozialen und kulturellen Herausforderungen aller Mitglieder stellen. Der Mensch ist mehr als eine Arbeitsmaschine, und wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz.

Was meinst du mit  „sozialen und kulturellen Herausforderungen“?
Victoria: Das Durchschnittsalter unserer Mitglieder beträgt ungefähr 25 Jahre, viele von ihnen sind alleinerziehende Mütter. 98 Prozent sind weiblich – ohne, dass wir Männer ausschließen! Das Bildungsniveau ist in der Regel sehr niedrig, die meisten haben nur die Grundschule besucht. Wir arbeiten also mit einer sehr verletzlichen Bevölkerungsgruppe und versuchen diese entsprechend zu begleiten.

Wie genau sieht das aus?
Victoria: Warte mal, da ich hole am besten Maria dazu. Sie ist verantwortlich für den Personalbereich.

Sie klopft an die Glasscheibe in der Wand zwischen ihrem und dem Nachbarbüro. Kurz darauf betritt Maria Laura Ávalos das Zimmer, eine junge Frau mit sehr freundlicher Ausstrahlung. Sie trinkt ein paar Schluck Mate, dann beginnt sie die sozialen Strukturen innerhalb der Kooperative zu erläutern.

Maria: In der Personalabteilung arbeite ich mit Cintia und Teresia zusammen, einer Psychologin und einer Sozialassistentin. Cintia hilft bei der Auswahl der Mitglieder und entwickelt zusammen mit den Technikern die Schulungen und Arbeitskriterien. Mit der Sozialassistentin gehen wir die verschiedensten Themen an, die mit den Lebensumständen der Frauen zu tun haben. Häusliche Gewalt, Missbrauch, verschiedenste Fragen, und wir schauen, wie wir damit auf gute Weise umgehen können. Weißt du, was gut ist? Das Vertrauen, dass wir genießen. Viele kommen ganz von selbst und beginnen zu erzählen, was so los ist, sie erzählen vom Streit mit dem Partner oder der kranken Mutter.

Victoria: Gut sind auch die Besuche, die unsere Sozialassistentin den Frauen abstattet.

Maria: Ja, dabei informiert sie sich über die Lebensumstände jeder einzelnen Frau.

Wofür genau ist das gut, wie hilft dieses Wissen im Arbeitsalltag?
Maria: Ein typischer Fall: aus dem Produktionsbereich wird gesagt, um die Kleidungsstücke für diese Linie fertigzubekommen brauche ich vier und nicht drei Frauen. Entweder lösen wir das jetzt oder wir müssen jemand anderen einsetzen. Eine Person fehlt, ein typischer Fall! (beide lachen).

Victoria: Dann versammeln wir uns und diskutieren in der Gruppe.

Maria: Im Personalbereich haben wir oftmals mehr Wissen über sie Situation, in der die fehlende Frau sich befindet. Dann überlegen wir: gibt es etwas, wobei die Frau vielleicht Hilfe braucht, gibt es Kranke zu Hause, durchläuft sie gerade vielleicht einen sehr harten Moment? Können wir ihr helfen, oder ist sie vielleicht einfach nur unzuverlässig und wird so schnell nicht wiederkommen? Was es auch gibt!

Victoria: Man muss den Einzelfall sehen, den Menschen hinter der Maschine. Und trotzdem sage ich: wir sind nicht Caritas. Wir sind ein Unternehmen, das funktionieren muss und zusätzlich soziale Begleitung anbietet. Zwischen diesen Polen müssen wir das Gleichgewicht halten, das ist manchmal kompliziert und anstrengend. Aber es funktioniert.

Wie genau helft ihr den Frauen denn bei der Bewältigung ihrer Probleme?
Maria: Zum Beispiel durch Einbindung von Institutionen wie dem Centro Asistencia Juridico (Zentrum für Rechtsbeistand). Die sind supergut und haben Psychologen und Anwälte. Sie wissen um die Situation vieler Frauen hier und stehen ihnen bei Bedarf sofort zur Verfügung. Sie kommen uns auch regelmäßig in der Kooperative besuchen und bieten Nachmittags- oder Abendtermine an.

Victoria: Und wir unterstützen die Frauen darin, einen höheren Schulabschluss zu machen.

Maria: Ja, gerade vor 4 Monaten haben wir mit der Universität von Reconquista ein Abkommen über eine Art Fernstudium geschlossen, dass die Frauen hier die Möglichkeit bekommen, sich online zu qualifizieren.

Victoria: Nächste Woche wollen wir hier in der Kooperative eine kleine Bibliothek einweihen, zusammen mit einer virtuellen Aula.

Maria: Um herauszufinden, ob das funktioniert, starten wir mit einer kleinen Fünfer-Gruppe, im Moment sind sie supermotiviert. Wir sind auch mit ihnen zur Berufsmesse gegangen, die bei vielen auf großes Interesse gestoßen ist! O.k., ich muss den Schulabschluss schaffen! Für das nächste Jahr haben wir schon 15 Voranmeldungen.

Habt ihr denn keine Sorge, auf diese Weise eure Mitarbeiterinnen zu verlieren?
Victoria: (lacht) Nein, man könnte sogar sagen, dass das ein Ziel von uns ist! Wir wollen die Lebensqualität dieser Frauen verbessern. Wenn die Arbeit bei uns dazu dient, höhere Ziele zu verwirklichen: herzlich willkommen! Nicht umsonst heißen wir: Ziele einfädeln! Jeder nach seinem Talent. Es gibt Frauen, die von Anfang an dabei waren und immer bleiben werden, und es gibt welche, von denen wir wissen, dass sie sich in der Zukunft anderen Tätigkeiten widmen möchten.

Wieviele seid ihr inzwischen und wieviel produziert ihr?
Victoria: Hier, in Avellaneda, sind wir derzeit 150 Mitglieder, und in unserer neu eröffneten Filiale in Lanteri, im Inneren der Provinz, sind 15 Leute beschäftigt. Für 2017 planen wir dort ungefähr 45 Menschen in Arbeit zu bringen. Wir fabrizieren monatlich zwischen 70.000 und 80.000 Kleidungsstücke. Unsere Organisation ist der größte Arbeitergeber für Frauen in der Region. Langfristig möchten wir weitere Filialen eröffnen—vorausgesetzt, dass der Markt es zulässt.

Erhaltet ihr viele Bewerbungen?
Maria: Pass auf, letzte Woche habe ich alle eingesandten Lebensläufe gezählt. Das waren 1238. 130 Personen können wir auswählen. Das sind 10 Prozent. Es fehlt an Arbeit in der Region. Auch aus den entfernter liegen Dörfern treffen Bewerbungen ein, wir haben uns herumgesprochen. Es gibt eine absolute Nachfrage nach Arbeit.

Wie sind denn die Arbeitsbedingungen bei euch und wie ist der Verdienst?
Maria: Wie du schon gemerkt hast: im Norden Argentiniens kann es sehr heiß werden! lacht Also haben wir Klimaanlagen. Außerdem achten wir streng auf Schuhwerk, das sich für 8 Stunden Arbeit an Maschinen eignet, die teilweise mit den Füßen bedient werden. Neben der Mittagspause machen wir täglich zwei bis drei zehnminütige Arbeitsunterbrechungen für gymnastische Übungen.

Victoria: Gearbeitet wird nach Produktion. Wir arbeiten viel in Gruppen, viel hängt davon ab, wie gut diese Gruppen miteinander harmonieren. Manche kommen so auf 15000 Pesos im Monat, andere auf 10000. Das ist so die Spanne.         

Wie ist eure Bilanz nach fast fünf Jahren?
Victoria: Das letzte Jahr war sehr gut. Aber wir haben auch von Anfang an viel Unterstützung bekommen! Zum Beispiel Zuschüsse zur Einrichtung der ersten Werkstatt. Lokale Firmen gaben uns Aufträge, für sie die Arbeitskleidung zu nähen. So fing das an. Und die Stadt hilft uns bei den Themen häusliche Gewalt, Gesundheit, Wohnraum, Bildung.

Vor einem Jahr wurde in Argentinien ein neuer Präsident gewählt, Mauricio Macri. Er betreibt eine ganz andere Wirtschaftspolitik als die Vorgängerregierung, es gab viele Entlassungen, eine große Inflation. Außerdem öffnet er die Märkte, zum Beispiel für Billigkleidung aus China. Merkt ihr die Auswirkungen?
Victoria: Bis jetzt haben wir davon nichts gemerkt, sind sogar gewachsen. Nun kommen die Auswirkungen aber langsam an. Viele Kunden überlegen, im nächsten Jahr weniger zu produzieren, aus Sorge, weniger zu verkaufen. Also suchen wir neue Kunden und außerdem wollen wir eine eigene Marke schaffen, um unabhängiger zu werden. Warte mal. Ich zeig dir etwas.

Victoria zieht aus einer  Schublade  einen Bogen Papier, sowie ein himmelblaues T-Shirt hervor. Das Papier ist ein staatliches Zertifikat. Ich lese:

Keine Kinderarbeit, keine Zwangsarbeit. Registrierte Arbeit, adäquate Einhaltung der Sicherheits- und Hygienebestimmungen.

Victoria: Das Zertifikat haben wir, aber es gibt noch kein Etikett, keinen Stempel, das muss noch entwickelt werden, und darauf warten wir. Es braucht ein allgemeingültiges Etikett für unsere Art des Arbeitens, das der Käufer sofort erkennt, ein Etikett der Nachvollziehbarkeit.

Jetzt hält Victoria das blaue T-Shirt hoch.

Victoria: 100 % Baumwolle Santa Fe! Vom Anbau über den Faden, den Stoff und die Konfektion! Früher wurde die Baumwolle hier „Weißes Gold“ genannt, nicht ohne Grund! Man muss ihr ihren Wert zurückgeben! In Santa Fe gibt es Baumwollanbau, Maschinen zur Trennung von Faser und Samen, Spinnereien, Webereien. Und seitdem wir da sind, auch die Konfektion, das letzte Glied in der Herstellungskette. So kam die Idee auf, Kleidungsstücke aus Baumwollstoff herzustellen, dessen Herstellung für den Kunden zu hundert Prozent nachvollziehbar ist.

Wie soll das gehen?

Victoria: Auch dafür warten wir auf einen Stempel, ein Etikett! Das soll „Apa“ kreieren, eine Vereinigung des lokalen Baumwollsektors. Sie protokollieren, wann und wo gesäht wird, wie die Pflanzen behandelt werden wird, sie dokumentieren die Qualität usw. Dieses T-Shirt hier ist so ökologisch wie möglich.

Aber nicht ganz ökologisch?
Victoria: Hundertprozentig biologische Baumwolle anzubauen wird nicht leicht, ist aber etwas, das in der Zukunft dazu kommen sollte. Es müsste es ein staatliches Interesse daran geben, und außerdem das von einer großen Firma. Ohne einflussreiche Interessenten wird es sehr schwer sein. Aber ich sehe eine Zukunft dafür, absolut! Für Kinderkleidung zum Beispiel. Argentinien ist in diesen Fragen ein bisschen hinterher. Aber alles was in der ersten Welt passiert, wird hier irgendwann auch ankommen. Und nicht nur, dass es hier ankommt, wir werden es auch exportieren, bei dem Land das wir haben, bei all diesen Möglichkeiten! Man müsste einfach nur ganz schnell alle Politiker zum Umdenken bringen! lacht Es ist schwierig in einem Land wie dem unseren. Hier zu leben macht dich sehr kreativ! Genial und kreativ! (lacht) Und auch kämpferisch!

Soll ich etwas ausrichten von euch, wenn ich zurück bin?
Viele Grüße nach Deutschland! Wir werden euch Kleidung herstellen und sie euch verkaufen! Die beste Kleidung wird von Argentinien nach Deutschland kommen! Aus Baumwolle aus Santa Fe!

Wird ausgerichtet!

Fotos: Anne Jelena Schulte

 

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