Eine Internatsschülerin, die spanische Königin und ausgediente Geldbörsen

Wir lernen Ludmila Vičánková bei der Recherche zum Projekt „Stoff“ kennen. Die ehemalige Ärztin lebt mit ihrem Mann im Augustinum, einer Seniorenresidenz in Detmold.

Frau Vičánková erzählt uns die Geschichte eines Pullovers, den sie in ihrer Jugend aus der Wolle ihres Heimatdorfs in Tschechien gestrickt hat. Irgendwann waren die Ärmel ausgerissen. Da hat sie den Pullover aufgeribbelt, die Wolle um ein Holzbrett gewickelt, in einem Bottich rot gefärbt und daraus einen neuen Pullover gestrickt. Darin lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen. Und weil er immer so verfroren aussah, ribbelte sie den Pullover wieder auf und strickte ihm eine Weste daraus. Heute – nach der Flucht während des Prager Frühlings, nach einem Leben als Ärztin und Physiker für einen Mineralölkonzern und nach dem Umzug in die Seniorenresidenz – trägt ihr Mann immer noch die Wolle am Leib, allerdings inzwischen umgestrickt zu einer ärmellosen Jacke. So erzählt diese Jacke ihr ganzes Leben – von ihrem Heimatdorf in Tschechien bis in die Seniorenresidenz in Detmold.

Am Schluss des Gesprächs zeigt uns Frau Vičánková ein Fotobuch – eine selbstgemachte Modestrecke mit den wichtigsten und schönsten Kleidern ihres Lebens. Die Fotos sind auf dem Dach der Seniorenresidenz entstanden. Dazu gibt es kurze Texte, in denen sie ihre Geschichte erzählt. Wir finden: eine ganz besondere Art und Weise, ein Leben zu dokumentieren.

 


„Unsere erste Tschechienreise nach der Wende führte uns nach Brünn, wo wir seinerzeit geheiratet haben. Der Bummel in der vertrauten und inzwischen fremden Stadt brachte uns zum Schaufenster mit Kleidern, die Jan bewunderte und schlug mir gleich eine Probe vor. Ich zögerte aber hab nachgegeben. Das Kleid passte mir perfekt, wie gegossen. Nach seinem Schnitt nähte ich später mehrere Kleider nach.“

 


„Ein Stück Seide brachte mir Jan von seiner China-Reise mit. So einen wertvollen Stoff wagte ich gar nicht zu zerschneiden, bis unser Sohn Martin heiraten wollte. So entstand dieses Kleid. Verblüfft waren alle Hochzeitsgäste in Alicante, denn auch seine Schwiegermutter hatte ein Kleid an, das in gleichen Farben und einem ähnlichen Muster gehalten war. Da in Spanien nur die Königin oder die Prinzessinnen einen Hut tragen, war meine Kopfbedeckung eine Sensation.“

 


„Von meinem späteren Patchwork-Hobby noch nichts ahnend habe ich irgendwann einen feinen, olivgrünen Woll-Seiden-Stoff in Patchwork-Muster gekauft und daraus ein Kleid nach dem „Model aus Brünn“ genäht. Ergänzt mit einem Spitzenkragen fühle ich mich darin wie eine Internatsschülerin vom vorigen Jahrhundert.“

 


„Hier trage ich eine Trachtenbluse und einen Trachtenrock. In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren die Trachtenkleidungen sehr modisch, also kaufte ich mir damals auch ein Ensemble. Es eignet sich auch heute noch für mich als eine ältere Frau für besondere Anlässe. Da ich meine modische Richtung selbst bestimme, nehme ich mir die Freiheit und habe den Mut, meine Kleidung nach eigener Lust und Laune zu tragen.“

 


„Hier trage ich – nach dem Model aus Brünn – ein neues Kleid, das ich in einer zweiten Version aus einem Zweiteiler genäht habe. Der Stoff ist ein Viskose-Crepp, wie mit einem Urwald bedruckt: Papagaie, exotische Pflanzen, Palmen usw. werden im grün-gelben Ton gehalten. Diese zweite Version entspricht der Stoffart viel besser und ergibt ein Kleid für alle Anlässe.“

 


„Von einem Schlafanzug unterscheidet sich diese Sommerkleidung durch den fein gewebten Stoff mit vielen zarten Mustern, aber auch durch die großen Perlmuttknöpfe und eine Tasche am Oberteil. Diese ist mit einem Stück von unserer ersten Gardine sowie mit Perlen ge- schmückt. Trotz der schon etwas verblassten Farbe ist die Wirkung des Kleides durch die dazu getragenen Accessoires elegant, wenn auch ziemlich auffällig.“

 


„Die Firma Peruvian Connection verfolgt eine Idee: ihre Textilien mit alten Mustern aus allen Kontinenten zu gestalten, um eine moderne Kleidung zu entwickeln. Ein Strickkostüm hat mir auf Anhieb gefallen. Es ist in einem aufwendigen, mehrschichtigen Strickverfahren aus PIMA-Baumwolle zu floralen Mustern gestaltet. Schon die Zusammenstellung der Farbtöne ist ein Kunstwerk für sich.“

 


„Ein kleines Geschäft auf dem Lande hat sein Inhaber aus den Altersgründen aufgegeben. Am Vorbeifahren sah ich nur noch einen einsamen Ständer mit Kleidungen, die keiner Mensch wollte, aber ich kaufte einen Rock mit Pelerine! Das Kleid war beim Tragen sehr elegant aber unpraktisch. Deswegen habe ich daraus einen schlichten Pullover genäht, den Rock brauchte ich nicht zu ändern. Ich habe dazu einen farbigen Schal gefilzt.“

 


„Eine wunderbar leichte und warme Alpaka-Wolle aus dem Hochland in Peru wurde zu einer mehrfarbigen Strickjacke in Heimarbeit von Frauen gestrickt, die von einer Hilfsorganisation in Hildesheim unterstützt werden. Diese Jacke darf nicht gewaschen und gereinigt werden, denn sie nimmt kein Schmutz an. Beim Aufhängen draußen bei einem nebligen Wetter wird das Kleidungsstück vollkommen gereinigt.“

 


„Als wir einmal in London waren, haben wir nach Besichtigung der Kathedralen einen typischen englischen Stoff kaufen wollen. Damals habe ich erst die Hälfte meiner Lebenszeit von heute erreicht, deswegen hat mir auch der recht gewagte Stoffmuster gefallen. Es gab jedoch ein Problem, wie viel yards, feet und inches ich benötigte. Erst beim Nähen entdeckte ich eine kleine Überraschung – einen Stoffaufdruck ‚Made in Italy‘.“

 


„In einer Feierstunde wurde ich in meiner künftigen Arbeitsstelle der Belegschaft vorgestellt. Bei dem zu diesem Anlass gekauftem Stoffkauf und bei der Fertigung des Kleides legte ich Wert auf die Seriosität und den Ernst der Lage. Die Präsentation fand bei einem Ball statt, die Einstellung eröffnete mir neue Welten und änderte mein Leben und Beruf vollständig.“

 


„‚Eine Designer-Jacke‘ sagte meine Freundin. Den Grundstoff bildet meine verbrauchte Samthose. Ein genauso verbrauchtes Pyjama von Jan benutzte ich als Schnittunterlage. Ausgebreitet auf dem Tisch belegte ich sie mit Fragmenten der Hose und vielen anderen Stoffresten. Ich applizierte die Teile aneinander, bestickte sie mit der Nähmaschine und verzierte sie mit Perlen. Alles zusammen genäht und fertig war die Jacke.“

 


„Diese Jacke habe ich aus meinem ältesten Kleidungsstück genäht. In dem kalten Winter 1970 habe einen spanischen Lammfellmantel gekauft, den ich so lange getragen habe, bis er verbraucht war. Dann beschloss ich, aus dem Material eine Jacke zu nähen. An die Stellen, wo Löcher waren, applizierte ich Blätter aus den ausgedienten Geldbörsen. So konnte ich das wertvolle Material zu einem neuen Kleidungsstück verwenden.“

Texte: Ludmila Vičánková
Fotos: Jan Vičánek
Einleitung: Tobias Rausch

www.janvicanek.de

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