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Auto statt Massanzug

Kleidung wird immer mehr gekauft, Maßschneider gibt es nur noch wenige: Willy Kley, 92 Jahre alt, redet über den Untergang seines Berufes.

Als kleiner Junge konnte er schon keine Löcher in seinen Socken ertragen. Seine Kleidung versteckte er, damit der jüngere Bruder sie nicht bekam. Der ging nicht so pfleglich damit um wie Willy Kley. Der Schneidermeister im Ruhestand ist 92 Jahre alt, seit fast 80 Jahren übt er das Handwerk mit Nadel und Faden aus. Was einen handgemachten Anzug zu etwas Besonderem macht, erzählt Willy gerne: „Die Knopflöcher am Ärmel zeigen die Arbeit des Maßschneiders!“ In der Konfektion wurden die Knöpfe am Ärmel nur aufgenäht, Löcher dafür gab es keine.

Schutz durch treue Kunden

Seine Ausbildung schloss er ab, bevor er in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. Als Willy heimkehrte, veränderte sich der Umgang mit Textilien schon rasant: „Nach dem Krieg haben die Leute eher ein Auto gekauft, auf einen Maßanzug legten sie keinen Wert mehr“, sagt er.

Nachdem Willy Kley 1951 seinen Meister abschloss, machte er sich in einer Werkstatt im eigenen Haus selbstständig. Den ersten Maßanzug stellte er dort für einen Nachbarn her. „Der hat mich praktisch hochgebracht“, erinnert sich der Schneidermeister.

Als er sein Geschäft eröffnete, arbeiteten in der Umgebung noch drei oder vier Maßschneider. „Ich hatte einzelne Kunden, die mich die ganze Zeit gerettet haben“, sagt Willy Kley stolz. Einer hieß Könemann. Wenn er kam, sollten sich die Kinder von der besten Seite zeigen. „Als meine Tochter klein war, schrie sie dann immer ‚Könemann kommt‘ “, sagt Willy lachend. „Der hatte das hier“, sagt er und macht die Geste des Geldzählens. Ein Kunde bestellte gleich drei Anzüge auf einmal, damit er sich Anproben sparte. „Das gab mir Schutz“, erinnerte sich der 92-Jährige.
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W. Kley erlebte die Textilgeschichte Bielefelds und den Untergang der Maßschneiderei

„Die Anprobe war vielen schon zu viel“, erklärt er. Schneider machten damals mindestens zwei Anproben pro Stück. Hinzu kam, dass die Konfektion mit der Zeit immer bessere Schnitte aufstellte und billiger war. Einen Maßanzug anfertigen zu lassen, wurde zunehmend unmoderner. „Da wurde zuletzt drüber gelacht“, erinnert sich Willy. Die Leute rissen Sprüche, wie „Da muss man erst rumsitzen und dann sitzt der Anzug immer noch nicht“. Einen schmiss Willy deswegen raus. Viele Schneider sind irgendwann zur Konfektion gewechselt, wurden Bandleiter. Sie mussten dann die Näherinnen anleiten und Produktionsabläufe überwachen. Ein festes Gehalt war ihnen dabei sicher.

Erst Einbußen, dann die Rettung

Die ersten Schneider machten Mitte der achtziger Jahre in Bielefeld zu. Auch Willy hatte Einbußen. Er bekam keine Aufträge mehr. Da er keine Angestellten zu bezahlen hatte, traf es ihn zunächst nicht so stark. Ob er es bis zur Rente noch schaffte, wusste er jedoch nicht. Der Herrenmaßschneider versuchte vieles: Annoncen in der Zeitung, Flyer beim Arzt. Zwei meldeten sich darauf. Dann kam eine Angestellte eines Luxus-Modeunternehmens auf ihn zu. Sie wollten, dass er die konfektionierte Kleidung ihrer Kunden änderte. „Einen guten Schneider suchen wir, Geld spielt keine Rolle“, habe sie gesagt. Dabei verdiente er so viel, dass er das ganze Haus renovieren lassen konnte. „Ich stand viel besser da als vorher“, sagt er. Das Schneiderhandwerk übte er auch während seiner Rente aus, bis die Finger nicht mehr mitspielten. Das letzte Kleidungsstück, was er fertigte, war ein Jackett für seinen Sohn. Natürlich mit echten Knopflöchern.

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Fotos: Lena Kley

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden.

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