Bald schriller als „Thriller“

1983 tanzt sich Michael Jackson im Musikvideo zu „Thriller“ als Zombie im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib. Seine darin getragene rote Lederjacke und andere Kleidungsstücke der 80er kehrten eindrucksvoll in den Modealltag 2017 zurück. Eine Auferstehung, die sicherlich kein Zufall war und die eine rückblickende Erklärung bedarf, um die Entstehung von Trends generell verstehen zu können.

Netzstrümpfe und Jeans. Lederhosen ohne und Destroyed Jeans mit Löchern. Prints, Ethno-Prints und Camouflage. Kitschige Motive auf T-Shirts und bunte Patches auf Jacken. Bomberjacken und Lederjacken. Die Vielzahl an modischen Trends, die es 2017 aus den 80ern sinngemäß zurück in die Zukunft geschafft haben, ist unübersichtlich. Und zwar, weil man sie nicht übersehen kann. Die Lederjacke in Rot verdeutlicht diesen 80er-Jahre Trend am besten. Bereits der King of Pop trug so eine im erfolgreichsten Musikvideo aller Zeiten. Er inspirierte damit nicht nur Roxette oder Freddie Mercury, sondern auch die heutige Modewelt. Denn diese Art von Lederjacke war etwas völlig Neues und Revolutionäres, sodass sie 2011 für 1,3 Millionen Dollar versteigert wurde. Es scheint dennoch auf den ersten Blick verwunderlich, dass rote Lederjacken ihren Weg aus dem Museum direkt auf die Straße finden. In eine Welt, wo die Vormachstellung der braunen, grauen und vor allem schwarzen Lederjacken ungebrochen zu sein scheint. Lederjacken waren noch nie out aber noch nie waren sie so in, wie diese Saison in der Farbe Rot. Denn sie sind ein Sinnbild, ja sogar ein Symbol der 80er-Jahre.

Mit Camouflage nicht in, sondern gegen den Krieg

Wieso die damaligen Trends die heutigen so stark beeinflussen, lässt sich mit dem Wissen verstehen, was Mode überhaupt ist. Mit diesem Wissen ist die Rückkehr zum Stil vor 30 Jahren kein Rückschritt. Sie ist nicht nur ein Abspulen einer alten Kassette. Denn Mode ist stets ein aktueller, reagierender Spiegel der Gesellschaft und der ­Zeit, in der sie lebt. Er zeigt uns die hässlichsten sozialen, gesellschaftlichen und politischen Probleme, wenn wir tief in ihn blicken.

Da sich die Probleme der 80er-Jahre wiederholen, wiederholt sich folgerichtig auch die Mode. Hinter dem Military-Look steckt ein Aufleben der Ablehnung der vielen Kriege auf dieser Welt, die es vor 30 Jahren schon gegeben hat. Damals wie heute versuchen sich die Menschen in Camouflage sinnbildlich vor den Damoklesschwertern der atomaren Superkräfte zu verstecken. Die gerne dazu getragene löchrige Destroyed Jeans oder auch die Netzstrumpfhose kann man als Aufforderung zu mehr Transparenz interpretieren. Die Presse war damals schon durch den Vietnamkrieg für viele die Lügenpresse – die Diskussion über den Überwachungsstaat ist in Deutschland seit der DDR im Zuge jüngster, terroristischer Entwicklungen ebenfalls wiederaufgekommen.

Mode als Kompensation für die heutige Aufmerksamkeitssucht

Jedoch lässt sich dieser alte neuartige Style nicht bloß auf die Ablehnung der Politik reduzieren. Der Trend ähnelt mehr einer Auflehnung gegen die Gleichheit, dient mehr als Mittel sich gekonnt in Szene zu setzen. Eine Szene, die vom Drang nach Individualität geprägt wird und damit so gut in unsere heutige Gesellschaft passt. Der Wunsch anders als jeder andere zu sein und sich selber zu verwirklichen ist größer als je zuvor. Größer als die unzähligen und unvergleichlichen Patches, die an vielen Jacken und Hosen angestickt sind. Sie bringen den Träger dem Ziel der Einzigartigkeit näher und prangern zugleich die Gleichartigkeit an.

Reale Auffälligkeit gegen virtuelle Probleme

Follower dieses Trends wollen auffallen. Durch eindrucksvolle ­­­­­­Kombinationen und kraftvolle Farben schaffen sie das auch-  Sogar mehr als das: Die Printmuster und kindlich wirkenden Symbole auf zahlreichen Kleidungsstücken dienen der Ablenkung vom gesellschaftlichen Problem der Technologisierung. Damals war es das Aufkommen der Computer, heute bedroht das Smartphone und das Internet den Menschen. In einer Welt, in der sich das meiste Leben vieler virtuell abspielt, geht es mehr denn je darum aufzufallen und einzigartig auszusehen. Denn wie sonst soll man die Blicke der Menschen auf sich ziehen, wenn diese sich mehr auf ihr Smartphone und seine austauschbaren Kontakte richten? Der 80er-Jahre Look ist das langersehnte Echo des noch länger währenden Schreis nach Aufmerksamkeit.

Diese erlangt man am besten mit eingangs erwähnter, roter Lederjacke. Denn die Jacke stellt nicht nur die Probleme der Gesellschaft zur Schau, sie löst auch eins durch das Tragen – nämlich das Problem der Rollenerwartung an den Mann: War früher ein Jahrzehnt lang mal der Romantiker oder mal der Macho gefragt, ist heute der Idealtyp des Mannes nicht mehr klar definiert. Die Jacke vereint beides: Rot als Farbe der Liebe und die Lederjacke als Männlichkeits- und Machosymbol der 80er-Jahre schlechthin. Sie ist ein wahrer Thriller, in dem der ganze Zwiespalt zwischen Romantik und männlicher Härte gespielt und ausgelebt werden können. In der heutigen Zeit, wo die modische Bandbreite von maßgeschneiderten Anzügen bis zu Jogginganzügen alles bereithält, i­­­­­st sie sogar schriller als in `Thriller´.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden.

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