Auf den Spuren der Bielefelder Textilgeschichte

Bei einem Spaziergang durch die Bielefelder Altstadt läuft man unter anderem an Boutiquen vorbei, kreuzt kleine gemütliche Cafés und steht vor dem einen oder anderen historischen Bauwerk, auch, wenn man dieses möglicherweise nicht beziehungsweise nicht auf den ersten Blick als solches erkennt. Andere Begegnungen, welche ebenfalls in der Altstadt zu finden sind, eröffnen sich dem Spaziergänger nur mit größter Aufmerksamkeit: Verzierungen an schlecht einsehbaren Fassaden, Aufkleber unter Sitzbänken oder in Hinterhöfen etc. All diese kleinen oder großen Sehenswürdigkeiten haben eins gemeinsam: Sie beinhalten Straßentexte.

Straßentexte sind Materialien, welche in unserem Alltag bzw. in unserer Rolle als möglicher Kunde in der Altstadt aufgrund unserer „Scheuklappen“, welche die vielen, auf uns eindringenden Eindrücke filtern, wenn überhaupt, meist eher als „Verschmutzungen“ oder Orientierungshilfen denn als „Texte“ mit Inhalt wahrgenommen werden (vgl. Alber 1997, 44f.).

Welche Erkenntnisse gewinnt man also hinsichtlich eines bestimmten Themas, wenn man die eben benannten „Scheuklappen“ ablegt: Werbeaufsteller, Plakate, Straßenschilder oder historische Fassadeninschriften etc. erzeugen je nach Konstellation und Fundort ein neben anderen existierendes Stadtbild (vgl. Alber 1997, 20ff.; Schubert 2002, 173ff.), welches beispielsweise von Anwohnern oder Touristen, je nach persönlichen Veranlagungen und/oder Interessen, entweder mehr oder weniger bewusst kultiviert oder verändert wird (vgl. Erll 2011, 115ff. & 119ff.).

Im Rahmen des Lehrforschungsseminars „Sozialität und Materialität: Die symbolische Wirklichkeit von Stoffen“ unter Herrn Prof. Dr. Rainer Schützeichel entstand die Idee, die Bielefelder Altstadt auf noch heute existente Spuren der ehemaligen Hochphase der Textilindustrie zu untersuchen. Um das Vorhaben umzusetzen mussten zunächst Informationen über die Bielefelder Textilgeschichte eingeholt werden, wobei sich das Gebiet um den Ravensberger Park mit den dort befindlichen Museen, ehemaligen Fabriken und Wohnbauten als ein wichtiges Ballungszentrum der äußerst aktiven Erinnerungsarbeit herausstellte: Das Museum „Wäschefabrik“ bietet beispielsweise Führungen durch das besagte Gebiet an und präsentiert in dessen Räumlichkeiten u.a. Interviews mit ehemaligen Mitarbeiterinnen; das Stadtarchiv hält viele historische Dokumente bereit und die Mitarbeiter waren äußerst hilfsbereit bei ersten Recherchen.

Neben dem Areal des Ravensberger Parks ließen sich auch in der Altstadt einige, wenn auch im Vergleich weniger, Elemente der Textilgeschichte wiederfinden. Vor diesem Hintergrund erschien eine Untersuchung von Teilen der Altstadt als besonders interessant, wenn man bedenkt, dass Passanten dort wohl eher wegen möglichen Einkäufen und weniger wegen ihrem Interesse an der Aneignung, Veränderung oder Kultivierung der Historie Bielefelds verkehren. Welche Rolle also spielt die Textilgeschichte in diesem Umfeld? Vor welchen Hintergrund begegnen einem Spaziergänger bzw. Passanten eindeutige und weniger eindeutige Bezüge zum kollektiven Gedächtnis der Textilgeschichte und wie lassen sich diese charakterisieren? Diesen Fragen gehen wir in der Lehrforschung auf teilweise recht unterschiedliche Art und Weise nach, weswegen weiter unten eine Möglichkeit exemplarisch kurz dargestellt wird.

Aber was ist eigentlich das „kollektive Gedächtnis“? Zunächst ist festzuhalten, dass sich dieser Terminus durch konzeptuelle Unschärfe auszeichnet: Nach Jan und Aleida Assmann zeichnet sich das kollektive Gedächtnis vor allem durch ein „kommunikatives“ und „kulturelles Gedächtnis“ aus. Dabei stellt das kommunikative Gedächtnis all jene Erinnerungsprozesse dar, die ausschließlich auf Alltagskommunikationen basieren, d.h. auf dem jeweils individuellen Gedächtnis der einzelnen Personen, die sozial vermittelt und gruppenbezogen sind. Diese Art von Gedächtnis ist demnach die Summe der Ereignisse in einer gemeinsamen Vergangenheit der Individuen in der Gesellschaft (vgl. Assmann 1988, 10f.). Das kulturelle Gedächtnis ist dagegen unabhängig vom Alltagswissen und geht durch kulturelle Vergegenständlichung und Institutionalisierung in der menschlichen Kommunikation in die Erinnerung des Kollektivs ein und wird dort konserviert. Diese Art von Gedächtnis kann über Jahrtausende bestehen und ist die Summe von WiedergebrauchsMedien jeder Gesellschaft mit deren Hilfe sich ihr Selbstbild konstruiert und stabilisiert (vgl. Assmann 1988, 12ff.). Das kollektive Gedächtnis ist somit die Summe des kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses, da beide grundlegend verschiedene Sachverhalte erfassen (vgl. Assmann 1988, 9-19).

Ein weiteres Modell zum „kollektiven Gedächtnis“, welches von Astrid Erll vorgeschlagen wurde bietet einen wichtigen Vorteil, wenn der Frage nachgegangen werden soll, wie sich die Geschichte innerhalb eines bestimmten Raumes, vermittelt durch eine interdependente Beziehung zwischen Individuum und Kollektiv, welche sich ggf. wiederum durch Mediendarstellt, realisiert: Die möglichen vorzufindenden Erinnerungsakte können sozial gesehen eine präzisere Differenzierung erfahren, wenn es darum geht Erinnerungen einem bewussten oder unbewussten Gedächtnissystem (vgl. Erll 2011, 119ff.) zuzuordnen und so die in diesem Abschnitt benannten Fragestellungen zu verfolgen. Darüber hinaus erfasst auch der dem Modell zugrundeliegende Begriff der Kultur nicht „nur“ die kollektiven, offiziellen Erinnerungen in Form von Monumenten etc., auf welche sich Assmann bezieht (s.o), sondern auch den Alltag (vgl. Erll 2011, 128).

Die Methodik, die das Vorhaben ermöglicht, die Bielefelder Altstadt auf sein kollektives Gedächtnis bezüglich der Textilhistorie hin zu untersuchen, ist das „Street Reading“ nach Reinhold Alber (vgl. Alber 1997). Hinter diesem Begriff verbirgt sich der Gedanke, dass die (jeweiligen) auffindbaren Straßentexte Medien der bzw. zur Umweltaneignung der in einer Stadt bzw. einem Viertel oder Stadtteil lebenden Bevölkerung darstellen und vor diesem Hintergrund in gewisser Weise nicht nur etwas über die räumlichen Bewegungen der Bevölkerung, sondern beispielsweise auch über deren politische Ansichten verraten (vgl. Alber 1997, 20ff.). Der Kern dieser Methodik besteht in der Begehung von Straßen innerhalb eines Untersuchungsgebietes, wobei alle Straßentexte (fotografisch) zu erfassen sind. Die gewonnenen Daten werden anschließend den Fragestellungen entsprechend verdichtet und das Gebiet so auf seine sozialräumliche Quintessenz untersucht (vgl. Alber 1997, 44f.).

Das kollektive Gedächtnis ist identitätsstiftend für eine Gesellschaft und lässt sich durch Medien in öffentlichen Lebensräumen erkennen (vgl. Assmann 1988, 11f.). Für die Stadt Bielefeld ist auffällig, dass auf den ersten Blick keine Denkmäler oder andere Erinnerungsstätte wie Museen in der Altstadt zu finden sind, mit Ausnahme des Leineweberdenkmals, welches doch recht ungepflegt ist, die an die damalige, auch global wichtige Rolle der Stadt erinnern oder die Relevanz der textilen Vergangenheit für die Stadt hervorheben. Dies kann womöglich darauf zurückgeführt werden, dass Erinnerungsstätten aus dieser Zeit an bestimmte Orte verwiesen wurden, wie der Umgebung rund um die Ravensberger Spinnerei.

Im untersuchten Areal fanden sich rund 2200 Straßentexte. Neben einer Vielzahl an Geschäftsschildern, Werbeaufstellern, Informationstafeln u.ä. konnten auch materielle Bezüge, die direkt auf die Textilvergangenheit der Stadt Bielefeld hinweisen entdeckt werden. Eine auffällige Fassadengestaltung findet sich beispielsweise am Gebäude der Delius GmbH an der Goldstraße (Foto 1). Das Unternehmen ist einer der wichtigsten Akteure in der Geschichte der Textilindustrie. Im Laufe der Zeit gewann das Unternehmen immer weiter an Bedeutung, sodass es zum Marktführer aufstieg und heute noch international tätig ist (vgl. textielefeld.museum-waeschefabrik.de, o.S.). Das Hauptgebäude des Unternehmens selbst scheint aus heutiger Sicht auf dem ersten Blick diese Erfolgsgeschichte nicht zu repräsentieren; die Fassade des Gebäudes ist grau und eher schlicht gestaltet. Es befindet sich kein Fassadenschmuck und außer der Aufschrift „C.A. Delius & Söhne Gegr. 1722“ ist auch keine weitere Fassadenschrift zu sehen. Das Gebäude wirkt jedoch durch seine Größe und Gestalt mächtig und hebt sich auf diese Weise von den umliegenden Gebäuden ab. Der Verzicht auf Schmuck und eine aufwendige Fassadengestaltung unterstreicht gleichzeitig die einzige Fassadenschrift zusätzlich. Die Fassadenschrift ist eine Selbstreferenz auf das Unternehmen, die vor allem mit der Benennung des Gründungsjahres die traditionsreiche Vergangenheit des Unternehmens in den Vordergrund stellt. Dadurch scheint das Unternehmen seine Rolle in der regionalen Textilbranche als eine der ersten Produzenten hervorzuheben. Als eines der wenigen Unternehmen schafft es die Firma mit der Zeit zu gehen und die Bielefelder Textilproduktion in die moderne Wirtschaft hineinzutragen.

Aufgrund der historisch bedeutsamen Rolle der Delius GmbH in der Textilindustrie der Stadt Bielefeld könnte eine Selbstreferenz des Unternehmens auch als ein Bezug auf die textile Geschichte der Stadt verstanden werden.

Foto 1

Einen weiteren Bezug auf die textile Vergangenheit der Stadt ist in einem Schaufenster eines Hutherstellers zu sehen (Foto 2). Eine ältere Nähmaschine dient hier als Schaufensterdekoration. Dieses Medium kann als ein Bezug zur textilen Historie verstandenwerden, das an vergangene Zeiten erinnert. Daneben findet sich eine ältere Schreibmaschine. Auf den ersten Blick erscheint diese im Schaufenster eines Hutherstellers fehl am Platz. Bei näherer Betrachtung findet sich eine dezente Aufschrift auf der Maschine: „ADLER“. Die Schreibmaschine stammt von der Marke „Dürkopp Adler“, ein Unternehmen das eng mit der Stadt und ihrer textilen Vergangenheit verknüpft ist. Wie sich während der Recherchearbeit im Bielefelder Stadtarchiv herausstellte, produzierte der Unternehmensgründer undNamensgeber Nikolaus Dürkopp Nähmaschinen für die Textilindustrie in Bielefeld. Die Nähmaschinenproduktion entwickelte sich über die Zeit zu einem wichtigen Industriezweig in Bielefeld, sodass sich die Stadt auch in diesem Gebiet einen Namen machen konnte (vgl. duerkopp-adler.com, o.S.). Das Unternehmen „Dürkopp Adler“ spielte dabei eine große Rolle und könnte als ein Symbol verstanden werden. Die Verwendung der Schreibmaschine als Schaufensterdekoration wäre in diesem Fall ein Bezug auf diese Zeit und auch auf die Stadt Bielefeld.

Foto 2

Mit der Verwendung derartiger Objekte erinnern Einzelhändler aus primär textilen Bereichen bewusst an die Blütezeit Bielefelds und erheben diese „Hochkultur“ in das kollektive Gedächtnis der Fußgänger. Durch eine derartige Bezugnahme auf die Vergangenheit der Stadt erschaffen die Geschäfte eine lokale Identität und grenzen sich bewusst von den großen, globalisierten Modeketten, die ebenfalls in der Altstadt angesiedelt sind, ab. Die Konstruktion einer lokalen Identität verhilft den Händlern gleichzeitig eine enge Beziehung zu den Bewohnern der Stadt herzustellen.Diese Ergebnisse sind erste Einsichten in das kollektive Gedächtnis der Bielefelder Altstadt. Natürlich bedürfen diese noch weiterer Konkretisierung und Validierung.

Dieser Artikel ist im Rahmen der Lehrforschungsveranstaltung „Materialität und Sozialität – die symbolische Wirklichkeit von Stoffen“ an der Universität Bielefeld entstanden.

Literatur

Alber, Reinhold 1997: New York Street Reading. Die Stadt als beschrifteter Raum. Dokumentation von Schriftzeichen und Schriftmedien im Straßenraum und Untersuchung ihrer stadträumlichen Bedeutung am Beispiel von New York. Dissertation, Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Tübingen: Eberhard-Karls-Universität.

Assmann, Jan 1988: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Assmann, Jan /Hölscher, Tonio (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt: Suhrkamp Verlag, S. 9-19.

Dürkopp Adler AG. Unternehmensgeschichte. URL: http://www.duerkoppadler.com/de/main/company/history.html [Stand: 14.11.2017].

Erll, Astrid 2011: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart und Weimar: Verlag J.B. Metzler.

Schubert, Herbert 2002: Menschliche Siedlungen als Symbolräume. In: Riege, Marlo & Herbert Schubert (Hrsg.). Sozialraumanalyse. Grundlagen-Methoden-Praxis. Opladen: Leske + Budrich, S.161-176.

Textielefeld Museum Wäschefabrik. C.A. Delius & Söhne. URL: http://textielefeld.museumwaeschefabrik.de/Objektliste/15_C_A_Delius_u_Soehne/C_A_Delius_u_Soehne.html [Stand: 14.11.2017].

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