Bielefelds junge Designer: Justina Glass

Justina Glass ist nicht nur Modedesignerin, sie ist Künstlerin. Mit ihrer Modekunst möchte sie nicht nur schöne Kleidung entwerfen, sondern appellieren. Für ihre gesellschaftskritische Arbeit hat sie bereits mehrere Preise gewonnen: 2011 der „German Fashion Design Award“ für ihre Kollektion „Industrial Revolution“, letztes Jahr der „Dortex Design Award“ für ihre Kollektion „Save“, in der sie sich mit der Tötung von Delfinen und Walen in Asien auseinandersetzt. 

„Vogelfrei“ heißt ihre neue Kollektion. Eigentlich ein schönes Wort – es klingt nach Freiheit und Ungebundenheit. Ein Wort, das früher positive Assoziationen hatte und dem unmittelbaren Wortsinn entsprach, nämlich frei zu sein wie ein Vogel. Mit Freiheit würde man das Wort heutzutage nicht mehr verbinden, im Gegenteil. Vogelfrei zu sein bedeutet Verfolgung, Ächtung und Verurteilung. Für vogelfrei erklärt wurden im Jahre 1498 die Sinti und Roma, nachdem der Reichstag sie für die Pest verantwortlich machte. Eine Ambivalenz, die aus Klischees und Vorurteilen emporgewachsen ist und in stetig wachsendem Antiziganismus resultierte. In ihrer  aktuellen Kollektion setzt sich Justina mit der Lebensphilosophie und Geschichte der Sinti und Roma auseinander, die seit Jahrhunderten von gesellschaftlicher Unterdrückung und grundlegender Abwehrhaltung gezeichnet ist.

Vogelfrei oder frei wie ein Vogel?

Justinas Kollektion, die Mode interdisziplinär mit Kunst verschmelzen lässt, spielt mit einem Dualismus von Wahrnehmungen. Die einzelnen Kleidungsstücke tragen immer zwei Bedeutungen und portraitieren gleichzeitig Schönheit und Schrecken, Freude und Trauer, Liebe und Leid. Die Silhouetten der einzelnen Kleidungsstücke sind an den Instrumenten der musikliebenden Sinti und Roma orientiert. Auch Farben spielen eine wichtige Rolle: Die Wurzeln der europäischen Sinti und Roma liegen in Indien, im 12. Jahrhundert wanderte eine Vielzahl von Stämmen nach Europa. Der Außenstoff aller Kleidungsstücke ist weiß, in Indien gilt sie als Farbe der Trauer und des Unglücks. Den Innenstoff hat Justina in verschiedene Orangetöne gefärbt, eine heilige Farbe, die Mut und Aufopferung bedeutet. Sadhus, heilige indische Mönche, die sich einem asketischen Leben verschrieben haben, hüllen sich mit dieser Farbe ein. Im Kontrast erwecken die beiden Farben den Eindruck einer offenen Schnittwunde, die auf den Schmerz der Sinti und Roma hindeutet. Die in die Oberflächen eingearbeiteten Täschchen, Häkeldecken, Spiegelchen, Mandalas und Lederapplikationen erinnern an weiße Narben, die den Sinti und Roma zugefügt wurden.

Das Material hat Justina selbst gesammelt: „Ich bin mit vielen Menschen in Kontakt getreten, meiner Familie, mit Freunden und Fremden. Jedes Detail hat eine Geschichte und eine Persönlichkeit und verbindet Nostalgie und Moderne“, erklärt sie. Die Stoffe sind handgefärbt, das Leder upcyclet und selbst geprägt – eine Prozessarbeit über Monate.

Auch mit „vogelfrei“ ist es Justina gelungen, Mode und Gesellschaftskritik zu vereinen: „Ich möchte mit meiner Kunst Menschen dazu ermutigen ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und zu ihrer eigenen Identität zu stehen“, sagt sie. Für die Zukunft plant sie „vogelfrei“ auf unterschiedliche Art künstlerisch in Szene zu setzen. Des Weiteren möchte sie ihren Master an der FH Bielefeld beginnen, um sich intensiver mit Installationen und Videoart zu beschäftigen.

Justinas Arbeiten sind bei Youtube, Instagram und Facebook zu finden.

Fotos: Guido Raschke

 

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