Vom Recherchieren zum STOFF – Teil 2: Bleichen nicht erlaubt

Jeder kennt die kleinen Symbole auf den Schildchen im T-Shirt oder Hemd. Aber was bedeuten sie eigentlich genau? Was erzählen sie über den Stoff? Und was hat das alles mit unserem Projekt zu tun?

2. Bleichen nicht erlaubt

Früher wurde der Leinen auf den Feldern gebleicht. Denn die strahlend weiße Farbe, die wir von Bettwäsche oder Tischtüchern kennen, ist nicht die natürliche Farbe von Flachs. Die entsteht erst durchs Bleichen. Und war eine Voraussetzung dafür, den Stoff anschließend färben zu können. In langen Bahnen wurde der Stoff aufgespannt und immer wieder mit Wasser berieselt. Der Sonnenschein und der Sauerstoff in der Luft taten das Übrige. Die Textilbleichen (etwa die in Windelsbleiche) waren echte Wasserverseucher, denn durch das „Rösten“ des Flaches wurden jede Menge giftige Stoffe ins Wasser gespült. Umweltkatastrophe im 19. Jahrhundert: tote Fische und Krebse im Johannesbach. Später kam Chlor dazu. Und Wasserstoffperoxid. Und Perborate (daher der Name „Persil“). Und allerlei andere Chemie.

Im Bielefelder Stadtteil Windelsbleiche wurden übrigens keine Windeln gebleicht. Sondern die Bleiche gehörte einem Herrn Windel – Hermann Windel, der die Bleiche 1872 vom Bielefelder Leinen-Kaufmann August Wilhelm Kisker erworben hatte. Mit der Textilindustrie wuchs auch die Bleiche zur riesenhaften Fabrik, in der endlose Stoffbahnen durch Keramikringe von einem Gebäude zum anderen liefen und von einer Chemikalie in die andere getaucht wurden. Noch heute gibt es am Standort die Firma Texteam Windel. Es gibt den Park mit der ehemaligen Fabrikantenvilla. Und einen beeindruckenden Wasserturm, der unter Denkmalschutz steht.

  • Blick zurück in die textile Vergangenheit - Spiegel auf dem Gelände von Windel

Das Bleichen gehört zur Textilveredelung. Viele Stoffe erhalten ihre Eigenschaften erst durch die nachträgliche Behandlung. Durch Appreturen. Durch Färben und Bleichen. Durch das „Ausrüsten“ eines Stoffes. So wird er wasserabweisend, glänzend oder besonders flauschig.

Bei der künstlerischen Recherche verhält es sich genauso. Es genügt nicht, in die Wirklichkeit rauszugehen und einfach nur „die Realität“ einzusammeln. Es genügt auch nicht, sie anschließend so abzubilden, wie man sie vorzufinden meint. Das Reale muss behandelt werden. Durch Färben. Durch Bleichen. Durch Appreturen.

Jede Recherche ist immer schon ein Eingriff in die Wirklichkeit. Wir verändern sie, indem wir sie erforschen. Die künstlerische Formung beginnt deshalb nicht erst mit dem Schreiben eines Stücktextes. Oder mit dem Schneiden eines Filmes. Oder im Zuschnitt und im Zusammennähen des Stoffs. Schon in der Erzeugung des Stoffs  – in der Art einer Frage, die wir im Interview stellen; in der Auswahl der Motive und Perspektiven – beginnen wir ästhetisch zu gestalten… und damit eine Wirklichkeit hervorzubringen, die wir nur zu spiegeln vorgeben.

Diese Formung kann unterschiedlich aussehen. Sie kann die Kanten und Ecken abschleifen. Sie kann die Wirklichkeit konsumierbar machen. Sie kann Realität in Unterhaltung verwandeln. Sie kann den Stoff ausbleichen, so dass alle Farbunterschiede verschwinden. Oder sie kann das recherchierte Material der eigenen Weltanschauung anpassen, um es als Argument für Besserwisser zu missbrauchen. Oder Propaganda zu machen.

Aber: Bleichen nicht erlaubt! In der Recherche können wir stattdessen auch die natürlichen Unebenheiten, die Farbunterschiede und Nuancen zum Vorschein kommen lassen. Alles, was ein Leben einzigartig macht und worin es sich von allen anderen unterscheidet. Diejenigen Stellen in unserer Gesellschaft, in denen wir Schatten und Flecken auf dem weißen Stoff entdecken. Oder die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit in einem Gewebe, an dessen Fäden wir ziehen.

Deswegen gehen wir nicht mit einer vorgefertigten These in die Recherche. Deswegen setzen wir darauf, dass alle Beteiligten des Projekts mit ihrer ganz eigenen Methode und ihren ganz eigenen Interessen raus gehen. Deswegen bringen wir Soziolog_innen, Modedesigner_innen und Medienwissenschaftler_innen; eine Fotografin, eine Autorin, einen Dokumentarfilmer und einen Theaterregisseur zusammen.

Weil wir darauf setzen, dass wir zum Schluss nicht eine weißgewaschene, ausgebleichte Wirklichkeit gespiegelt bekommen – sondern Dutzende, buntgemusterte Wirklichkeiten, die miteinander kommunizieren, streiten und sich gegenseitig beleuchten.

Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie „Vom Recherchieren zum STOFF“:
Teil 1: Handwäsche
Teil 3: Mittlere Bügeltemperatur

Teil 4: Nicht im Trockner trocknen

Fotos: Tobias Rausch

 

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