Vom Recherchieren zum Stoff – Teil 3: Mittlere Bügeltemperatur

Jeder kennt die kleinen Symbole auf den Schildchen im T-Shirt oder Hemd. Aber was bedeuten sie eigentlich genau? Was erzählen sie über den Stoff? Und was hat das alles mit unserem Projekt zu tun?

3. Mittlere Bügeltemperatur

Freitag nachmittags hat meine Oma gebügelt. Es war der stillste Moment in der Woche. Rechts vom Bügelbrett stand der Wäschekorb mit feuchten Hemden, Socken und Stofftaschentüchern. Links vom Bügelbrett war der Küchentisch freigeräumt, um die gebügelte Wäsche zusammenzulegen. Außer dem Klicken vom heißen Bügeleisen, dem Geräusch beim Ausschütteln der feuchten Wäsche und dem leichten Rauschen, wenn das Metall über den Stoff glitt, war nichts zu hören. Ich erinnere mich an die Sorgfalt, mit der die Spitze des Bügeleisens ins Innere einer Hemdtasche und entlang der Knopfleiste fuhr. Meine Oma hatte eine hellblaue Plastikflasche mit kleinen Löchern im Deckel, mit der sie immer wieder einen kleinen Regenschauer Wasser auf den Stoff spritzte. Ich mochte die Stille. Ich mochte die Hitze vom Bügeleisen im Raum, und ich mochte den Geruch von frischgewaschener Wäsche.

Vorbei. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie gebügelt. Ein Bügeleisen besitze ich gar nicht. In meinem Schrank liegen keine Hemden mit steifem Kragen, keine Hosen mit Bügelfalte, keine Leinen-Tischtücher. Nur ein riesiger Berg an Sweatshirts und Jeans. Casual Look. Wenn es knittert und krumpelt – kein Problem. Eigentlich seltsam. Denn ich mag diese Sorgfalt, die Aufmerksamkeit. Einen Gegenstand zu pflegen, weil er wertvoll ist.

Früher gab es in unserem Dorf eine Heißmangel. Das war ein winziger Laden mit gekachelten Wänden und einer großen Schaufensterscheibe, die immer von Feuchtigkeit angelaufen war. Die Mangelmaschine und die Menschen darin konnte man deshalb nur schemenhaft erkennen. Einmal im Monat schleppte meine Oma die Bettlaken und Tischdecken zum Geschäft. Es gab die Besitzerin vom Laden, die hochgesteckte Haare und eine bis oben zugeknöpfte, weiße Kittelschürze trug. Ich kannte diese Kittelschürzen von den Schwestern aus dem Krankenhaus, als mir die Mandeln raus genommen worden waren; aber die Kittelschürze der Frau von der Heißmangel war viel knapper, so dass direkt vor meinen Augen – ich war im Kindergartenalter – ihre fleischigen Beine herumliefen. Zusammen mit meiner Oma fädelte sie die Bettlaken zwischen die sich langsam drehenden Rollen ein und faltete die fertig gemangelten Tücher zu viereckigen Päckchen zusammen. Es kam mir wie ein perfekt einstudiertes Ritual, ein Tanz vor, den die beiden für mich aufführten.

Ich hockte auf der gekachelten Ablage an der Scheibe und malte kleine Männchen in die Tröpfchenfläche auf der Fensterscheibe. Aber sobald mein Finger die Scheibe verließ, liefen schon die Wasserfäden vom Männchen runter; das sah aus, als ob das Männchen weinte.

Gibt es eigentlich noch Mangelgeschäfte? Aber wer bedeckt seinen Tisch heute schon mit weißen Tischtüchern? Vielleicht Restaurants, in denen zu Kommunionfeiern Toast Hawaii und Pfirsich Melba serviert wird? Oder ein paar Landadlige, die sich ihr Familienwappen hineinweben lassen …?

Mein Vater hatte ein Reisebügeleisen. Wenn er zu seinen Lieferanten reiste, packte er es in seinen Schweinslederkoffer. Dann stand er morgens im Hotelzimmer, irgendwo im Schwarzwald, und bügelte eilig den Kragen seines Hemdes, das er im Waschbecken mit „Rei in der Tube“ ausgewaschen hatte. Dabei bügelte er immer nur die Stellen, die unter seinem Anzugjacket sichtbar waren; der Rest des Hemds blieb verknittert.

Ein Stadttheater ist wie eine Heißmangel. Es ist ein riesiger Apparat. Es produziert große Hitze. Es verbraucht wahnsinnig viel Energie. Manchmal sind die Scheiben beschlagen, so dass man nur noch schemenhaft erkennt, was draußen stattfindet. Manchmal wirkt es wie aus einer vergangenen Zeit.

Aber so ein Theater ist in der Lage, große Stoffe zu verarbeiten. Weltliteratur. Mit einem Ensemble, das perfekt aufeinander eingespielt ist. Das fähig ist, verknitterte, faltige Stoffe anschließend wie neu aussehen zu lassen. Für festliche Gelegenheiten. Für den besonderen Moment im Leben.

recherchepool dagegen ist ein kleines Reisebügeleisen. Flexibel, mobil, einfach. Die Mitglieder von recherchepool reisen in alle Welt. Sie reagieren spontan, was ihnen während der Recherche begegnet. Sie tauchen in den Alltag ein. Und können sich in jede Steckdose einstöpseln.

Das Ungewöhnliche an STOFF ist, dass Reisebügeleisen und Heißmangel zusammenarbeiten. Normalerweise engagiert ein Stadttheater einzelne Künstler – Regisseur*innen, Autor*innen, Bühnenbildner*innen –, die als Gäste an einer Inszenierung arbeiten. Oder ein freies Theaterkollektiv arbeitet unabhängig und selbständig. STOFF verbindet beides. Die Künstler*innen von recherchepool sind ein Jahr lang unterwegs, sammeln und forschen. Und dann entwickeln sie zusammen mit dem Theater Bielefeld große Stoffe daraus.

Wir hoffen, dass dadurch, die Stärken von beiden Seiten zum Tragen kommen. Dass nicht nur lauwarme Ergebnisse herauskommen. Dass nicht alles glatt gebügelt wird. Dass wir uns nicht gegenseitig in die Mangel nehmen. Sondern eine produktive Auseinandersetzung entsteht, ein Streit um Inhalte und künstlerische Positionen, eine gegenseitige Inspiration, durch die das Ergebnis mehr ist als die Summe von zwei Teilen.

Hier wird noch per Hand gebügelt – Nähfabrik in Vietnam

So bügeln Profis – Ärmelbügelmaschine in der Bielefelder Firma JOBIS

Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie „Vom Recherchieren zum STOFF“:
Teil 1: Handwäsche

Teil 2: Bleichen nicht erlaubt
Teil 4: Nicht im Trockner trocknen

Fotos: Kathrin Ahäuser, Waltrud Kroll
Video: Tobias Rausch

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