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Cradle to Cradle – Nie wieder Müll!

Vorbild ist immer die Natur, denn die produziert keinen Müll. Was aus der Natur kommt, wandelt sich ohne Bedenken wieder in Natur zurück.

Ein Rückblick: In Berlin lud der Cradle to Cradle e. V. zum Expertenforum#2  Textil im Februar 2017 ein. Friederike von Wedel Parlow, Volker Steidel von Lauffenmühle GmbH & Co.KG und Albin Kälin von EPEA Switzerland GmbH sprachen über innovative und saubere Kreislaufsysteme in der Textilindustrie.

Mode ist ein hartes Geschäft. Die Massenproduktion in der Mode agiert rücksichtslos auf allen Ebenen. Der Modemarkt kolabiert, die Produktionsbedingungen sind stetiges Diskussionsthema: Belastung der Umwelt, steigende Emissionswerte, Bodenerrosion, Wasserverschmutzung, Ressourcenraub etc. nehmen nicht nur den Menschen in den Billig-Produktionsländern die Grundlage zum Leben und deren Gesundheit. Es muss etwas getan werden.

Alternativen schaffen

Das Recycling und Upcycling sind gute Alternativen, vermeiden aber keinen Müll. Beim Recyclingprozess entsteht aus Abfallmaterial durch Zusetzung von neuem Material ein Sekundärprodukt minderer Qualität. Es wird auch Downcycling genannt.

Vor ein paar Jahren entdeckte man das einst aus Materialnot entstandene Upcycling wieder. Dabei  werden neue Produkte aus gebrauchten Materialien hergestellt, die keine Qualitätseinbußen aufweisen.

Cradle to Cradle®

Ist man konsequent, so stellt man erst gar keine schädlichen Materialien her. Die Idee ist, “positive Materialien” zu produzieren, die in den biologischen Kreislauf zurückkehren, ohne Umwelt und Mensch zu belasten. Materialien, die sich auf natürliche Weise in Erde und Humus umwandeln. Dieser Kreislauf wird als Cradle to Cradle® System (C2C) bezeichnet.

C2C entwickelten der Chemiker Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough. Übersetzt bedeutet es „Von der Wiege in die Wiege“. 2002 gingen die beiden mit der Publikation „Cradle to Cradle – Ökoeffektivität“ an die Öffentlichkeit. Der Chemiker M. Braungart hielt Vorträge an Universitäten, in Firmen, auf Tagungen und verbreitete die Ideen vom essbaren Material, dem positiven Konsum ohne Müll zu produzieren und alternativen ökologischen Kreislaufsystemen.

cradle to cradle Prinzip Grafik Susanne Beckmann
Cradle To Cradle® Kreislaufsystem

Universitäten und Modeschulen nehmen inzwischen Themen zu umweltschonenden Produktionskonzepten in ihren Lehrplänen auf und führen fortan Menschen, die Zukunft gestalten, in die neuen Alternativen ein.

Eine von ihnen ist Friederike von Wedel-Parlow. Die Modedesignerin und Professorin gründete an der ESMOD BERLIN den Masterstudiengang „Sustainable Design Strategies“. Dort lehrte sie bis 2016. Im selben Jahr gründete sie das „Beneficial Design Institut“ um neue Konzepte für die saubere Produktion von Kleidung auf den Weg zu bringen. Sie sprach über die Modeproduktion, Entsorgung von Kleidung und erklärte anhand ihrer Projekte mit Studierenden, wie das Cradle to Cradle® System von Designern angewendet wird.
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Friederike von Wedel-Parlow

In Kreisläufen denken

Das System ist komplex, da es schon den Entstehungsprozess des Materials mit einbezieht und bis zum Entsorgen jedes einzelnen Produkdetails zu Ende gedacht werden muss. „Ich habe mehrere Jahre gebraucht, um Cradle to Cradle wirklich zu verstehen“ , konstatiert F. v. Wedel-Parlow. Dabei präsentierte sie einige Kreislaufdiagramme und Module, nach denen Kollektionen in Kooperationsprojekten mit manufaktum, dem Store für außergewöhnliche Produkte entstanden sind.

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Product Passport für den biologischen Kreislauf (Friederike von Wedel-Parlow)

Es fallen Begriffe wie Modulares System und Monomaterial. Das Modulare System besteht aus unterschiedlich verwertbaren Materialien. Bei der Entsorgung muss eine Materialtrennung vorgenommen werden. Bei Monomaterialprodukten ist sowohl der Stoff, als auch Knöpfe, Nähte und Verschlüsse aus kompostierbarem Material. Es kann als Ganzes entsorgt werden.

Von Wedel-Parlow spricht von „positivem Material“ und einem „positiven Produkt“. Damit sind Materialien gemeint, die weder umwelt- noch gesundheitsschädlich sind, ohne Bedenken der Natur wieder zugeführt werden und sich nach der Entsorgung in Erde zersetzen. Das nennt man Ökoeffizienz. Denn die Zersetzung der Materialien wirkt der Bodenerosion entgegen. Das Material wird zu Erde und Humus.

Neue Garne versprechen eine saubere Zukunft

Volker Steidel ist geschäftsführender Gesellschafter von Lauffenmühle GmbH & Co. KG. Das Unternehmen produziert Berufskleidung, die höchsten Belastungsansprüchen genügen muss.

Er erläutert, wie ein Unternehmen sich von einer herkömmlichen Textil- und Garnproduktion zu einem Cradle to Cradle® zertifizierten Unternehmen umwandelt.

Der Textilingenieur stieg 2005 in das Unternehmen ein. Er entwickelte in Zusammenarbeit mit renommierten Forschungsinstituten neue Materialien für Berufskleidung. Elastikgarne und Garne, die biologisch abbaubar, also kompostierbar sind. Für das Garn infinito® und das Gewebe reworx® wurde das Unternehmen mit dem Cradle to Cradle® Innovation Award 2015 ausgezeichnet.

Infinito® wurde von der Edelwäschefirma Wolford für die 2015 vorgestellte Cradle to Cradle® Wäsche- und Strumpfkollektion verwendete. Damit hat Lauffenmühle GmbH & Co. KG eines seiner Ziele erreicht, nämlich Ökoware auf dem Luxusmarkt erfolgreich zu positionieren.

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Volker Steidel, Textilingenieur. Geschäftsführer des Textilunternehmens für Berufsbekleidung Lauffenmühle GmbH & Co.KG

V. Steidel ist ein Visionär und Realist. Er sieht in der Cradle to Cradle Produktion eine positive Zukunft. „Wenn wir nicht in diese Dinge investieren, dann verlieren wir unsere Arbeitsplätze. Das sind Systeme, auf die man aufbauen, die Produktion wieder ins Land und nach Europa holen kann. Allein das Cradle to Cradle® System schafft so viele Möglichkeiten in der Entwicklung, Forschung, auf dem Arbeitsmarkt“.

Der mittelständische Unternehmer wünscht sich auch von politischer Seite mehr Unterstützung und richtet sein Wort an die anwesende Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesumweltamtes, Rita Schwarzelühr-Sutter. Es ist selbst mit kompostierbarem Abfall nicht einfach, mit den kommunalen Mülldeponien zu kooperieren, beklagt er.

Ganzheitlich und zukunftsorientiert

Ein Produkt so herzustellen, dass wirklich jeder einzelne Bestandteil in einem technischen Kreislauf wieder verwertet oder in einem biologischen Kreislauf der Umwelt zurückgeführt werden kann, stellt eine große Herausforderung dar. Dabei muss man schon in der Entwicklung berücksichtigen, was mit den unterschiedlichen Materialien in nur einem Produkt in der Entsorgung passieren soll. Gleichzeitig geht es um reaktive Chemikalien, die im Gebrauch durch Abrieb und Ausdünstungen negative Auswirkungen auf die Umgebung haben können. Das heißt, dass ein Cradle to Cradle® Produkt bis ins kleinste Detail einwandfrei sein muss.

Da der Markt nicht transparent genug ist um zu gewährleisten, dass Zwischenhändler einwandfreies Material liefern, schloss sich Lauffenmühle GmbH & Co.KG mit der EPEA Switzerland GmbH zusammen.

Pioniere & Visionäre

EPEA Switzerland GmbH unterstützt Unternehmen in unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen bei der Entwicklung und Umsetzung des Cradle to Cradle® Design Konzepts. Sie agieren als Wissenstreuhänder, bündeln das Know-How ihrer Partner, um zu gewährleisten, dass C2C Bestimmungen eingehalten werden.

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Albin Kälin, Gründer von EPEA Switzerland GmbH

Das 1987 von Dr. Michael Braungart in Hamburg gegründete Unternehmen entwickelte zunächst das Intelligent Products System (IPS), das schon in den frühen 1990ern von zahlreichen Unternehmen in Bereichen der Produktion übernommen wurde. Das IPS agierte damals schon nach der These: Nachhaltiger Umweltschutz kann nur erreicht werden, wenn Konsumgüterprodukte vollständig kreislauffähig hergestellt werden.

Albin Kälin von EPEA Switzerland GmbH beginnt seine Ansprache mit der Frage: Wo stehen wir heute? Und das heißt nichts Gutes, wenn er von den weltweit verwendeten 20.000 Chemikalien in Textilien spricht. Kalin erzählt von der Zusammenarbeit mit V. Steidel im Zusammenhang mit infinito®, ein biologisch abbaubares elastisches Garn zu entwickeln und von der Schwierigkeit, konventionell hergestellte Stoffe zu trennen und zu recyceln. Dabei ging er immer wieder auf das Problem der Farben ein, die mit Abstand eines der giftigsten Elemente in der Textilindustrie sind. Sie von Baumwolle und Geweben zu trennen, ist ein aufwendiger und oft auch unmöglicher Prozess. Seit 2 Jahren erst gibt es einige wenige Firmen, die in der Lage sind, ungiftige Farben herzustellen.

Sein Lieblingsprojekt ist der BH. BHs bestehen aus über 50 Teilen. Was wir nicht wissen: Konventionelle BHs sind Chemiecocktails. Um einen BH mit dem Label C2C zertifizieren zu können, müssen alle Bestandteile kompostierbar sein. Einschließlich der Verschlüsse. Keine leichte Aufgabe, aber eine Herausforderung.

Albin Kälin ist die Lösung zuzutrauen. Er ist Pionier und Visionär, zugleich ein Vorreiter der Cradle to Cradle® Produktion im textilen Bereich. 1993 regte er bereits die Entwicklung der Produktlinie Climatex® und somit der ersten Cradle to Cradle® Produkte weltweit an. Deshalb glauben wir, dass er schon eine Lösung für den Cradle to Cradle BH finden wird. Wir wollen ihn testen!

Verehrung, Verehrung für diese mittelständischen Unternehmen, die sich trauen, unkonventionelle und neue Wege zu gehen, die der rücksichtslosen Massenindustrie entgegen wirken. Soziale, ethische und ökologische Kriterien sind für diese Unternehmen unverrückbar und hindern sie nicht, Großes zu erreichen für eine bessere Welt.

Das sehr informative und spannende Forum moderierte Nora Sophie Griefhan. Und es wird noch weitere geben. Im Oktober diesen Jahres findet in Lübeck der Cradle To Cradle Congress statt, auf dem neue Kreislaufsysteme vorgestellt und diskutiert werden.

www.c2c-ev.de
c2c-kongress.de

Fotos: Susanne Beckmann

 

 

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