Der rote Vorhang im Theater – Reflexion einer Lehrforschung

Unter dem Motto und dem Kulturprojekt „Stoff! Mehr Stoff!“ entstand in Kooperation mit der Bielefelder Universität (unter anderem mit der Fakultät für Soziologie) die Lehrforschungsveranstaltung mit dem einladenden und zweifelsohne nicht ganz selbsterklärenden Titel: „Materialität und Sozialität – die symbolische Wirklichkeit von Stoffen“.

Ein Titel der zum Weiterspinnen einlädt. Jedenfalls für mich! Denn schnell entstand mein eigenes Forschungsthema „Der rote Hauptvorhang im Theater“, dessen zentrale Fragestellung sich recht leicht mit dem übergeordneten Nahtanfang des Interesses verknüpfen und verweben ließ:

Hat der klassische Hauptvorhang des Theaters, der traditionell aus rotem Samt besteht, eine Auswirkung auf die Atmosphäre des Theaterraumes und auf die Emotionen der Zuschauer?

Eine Fragestellung als Nahtzugabe eines nicht nur soziologischen, sondern ganz im Speziellen eines sehr persönlichen Themas.

Theater, Material und Emotionen – Stoff für mehr Stoff! Der rote Faden für mein Lehrforschungsprojekt, denn seit nun über 10 Jahren spielt das Theater keine kleine Rolle in meinem Leben. Die bunte Vielfallt der Institution, der Rollen, der Vorder- und Hinterbühnen, der Regie, des Schauspiels, des Erlebens und des Erlebbarmachen bilden für meinen Beleg den Oberfaden. Gleichfalls trug das Material, der Stoff, seine Farbe und seine Variabilität dazu bei, mein Interesse zu wecken.

Stoff sollte generell in diesem Projekt nicht nur als Kostüm oder Kleidung begriffen werden, durch das und mit dem wir versuchen, so viel auszudrücken und jedem einzelnen Charakter seine individuelle Note zu verleihen, sondern darüber hinaus als Symbol für das Theater behandelt werden.

Absteppen wollte ich also den klassischen roten Hauptvorhang des Theaters. Was ursprünglich dazu genutzt wurde, um zu verzaubern, zu verbergen, mit Hilfe einer wissenschaftlichen Forschungsmethode selbst zu entzaubern und wieder aus seiner Rolle zu befreien, war mein Ziel.

Dass das Theater, egal aus welcher Perspektive es betrachtet wird, keiner leidenschaftslosen Angelegenheit entspricht, ist kein Geheimnis. Trotz aller Wissenschaftlichkeit durfte das Einfädeln der Emotionen und der Atmosphäre also nicht fehlen.

Was ist Theater und wie wird Theater erlebt und erlebbar gemacht? Kann ein Material dazu beitragen Emotionen zu übertragen und in einem bestimmten Raum eine Atmosphäre zu schaffen, die alle Anwesenden mit einbezieht?

Um diese ganz grundlegenden Fragen zu beantworten, habe ich mich nach umfangreichen Literaturrecherchen dazu entschlossen Akteure, die sowohl mit als auch im Theater arbeiten, zu interviewen.

Doch entgegen meiner Erwartungen bin ich bereits bei dieser Erhebung auf erste Widersprüche und Fadenbrüche gestoßen. „Der Stoff sei unwichtig, die Farbe egal – Theater ist im Fluss!“ Oder aber, „Die Farbe drückt Leidenschaft aus, Königlichkeit – der rote, samtene Hauptvorhang macht das Theater zu dem, was es ist. Ein schwarzer Vorhang gibt hier gar nichts weiter!“.

Ich hatte mit mehr eindeutiger, symbolischer Bedeutung gerechnet. Aber nach diesen Aussagen entspricht der rote Hauptvorhang wohl einem Material, welches vollkommen losgelöst und überflüssig eingesetzt wird und gleichzeitig das Theater bzw. die Funktion des Theaters unterstützt. Der rote Hauptvorhang als Antagonismus – Eine symbolische Wirklichkeit?! – ich bin mir nicht sicher…

Nach längeren Überlegungen und mehreren links auf links und rechts auf rechts drehen der Antworten und Forschungsfragen, fand ich schließlich einen neuen Ausgangspunkt für mein Projekt. Ich begriff diese Schwierigkeit als Chance für ein neues Schnittmuster.

Auch die Geschichte des Theaters ist nicht losgelöst von Ambivalenzen, Widersprüchen und gegensätzlichen Einflüssen. Atmosphäre ist nicht losgelöst von Raum, Leib und Material. Emotionen sind nicht losgelöst von der Art und Weise, wie eine Situation aufgefasst wird. Theater ist seit seiner Entstehung ca. 500 vor Chr. im ständigen Wandel und Fluss. Der Wunsch nach Aufklärung kann nicht losgelöst von dem Vorgang der Verzauberung sein! Jedenfalls nicht im Theater. Und auch der Stoff des roten Hauptvorhangs des Theaters besteht aus mehr als einer Faser und beschreibt ein ganz eigenes Webmuster.

Aus meiner persönlichen Erkenntnis mit der ich dieses Projekt nun abschließend betrachte, kann ich festhalten, dass das Theater, sein Stoff und seine Atmosphäre einer Patchwork Decke entsprechen, die zumindest mich ganz häufig mit einem warmen Gefühl versehen. Ob schwarzer Leinen, roter Samt oder grüner Latex – der Hauptvorhang des Theaters ist noch lange nicht verriegelt. Widersprüche lassen sich mit Sicherheit immer wieder finden, aber gerade diese symbolischen Verhüllungen reizen mich zur Enthüllung und genau dort schließt sich der Vorhang, um sich bald darauf von Neuem zu öffnen.

Foto: Theater Bielefeld/ Joseph Ruben

Dieser Artikel ist im Rahmen der Lehrforschungsveranstaltung „Materialität und Sozialität – die symbolische Wirklichkeit von Stoffen“ an der Universität Bielefeld entstanden.

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