Wie Lukas sich durch seine Drag Queen Persona gefunden hat

Es fängt mit einer dreistundenlangen Umwandlung und endet mit einem Freiheitsgefühl

Mit 11 hat Lukas* angefangen, die Kleidung ihrer Mutter anzuprobieren. Er konnte mit Geschlechtsrollen nicht umgehen und er wollte unbedingt die High-Heels anziehen. Er wusste schon, er ist schwul. Damals wie heute haben Kleidung und Schminke mit dem Geschlecht und der sexuellen Orientierung für ihn nichts zu tun. Lukas möchte seine Persönlichkeit entwickeln und ausleben und gesellschaftliche Normen sind für ihn keine Bremse.

Seine Mutter fragt, was er tut. Er kann keinen Grund nennen und mit den Absätzen nicht mal richtig laufen. Lukas ist neugierig, er macht aus seinen Vorhängen Kleider und er schminkt sich. Er versteht nicht, warum Männer so viel nicht dürfen. Kleider, High-Heels und Schminke machen ihm Spaß und er will so aussehen, wie er sich wohl und glücklich fühlt. Diese Illusion geschieht in der Zeit nur in seinem Zuhause, wo er heimlich seinen Traum erfüllen kann.

Mit 18 kommt das Outing. Lukas Mutter hatte es lange schon verstanden und sie spricht ihn an. Obwohl er nicht darüber reden will, wird es in der Familie bekannt und akzeptiert. Dadurch entsteht ein Wohlgefühl, das ihm ermöglicht, sich 2015 für den CSD in Bielefeld als Drag Queen anzuziehen. Der besondere Anlass ist ein sicherer erster Versuch. Sein Freund macht aus Spaß auch mit und Lukas erlebt das erste Mal, wie tiefer und schöner die Erfahrung ist als in seinem Zimmer.

Danach kommen noch ein paar Auftritte beim CSD und Karneval in Köln. Durch diese ersten Versuche hinterfragt Lukas seine eigene Person. Er möchte als Drag Queen seine Persönlichkeit völlig ausleben und sich trauen, ungefiltert auszutreten. „Es kommt raus, was ich verstecke.“ Das, was er als Lukas nicht so einfach zeigen kann, holt er als Drag Queen raus. Sich stundenlang zu schminken, das perfekte Outfit zu finden und feiern zu gehen machen ihm viel Spaß. Jedoch ist die Möglichkeit, einige versteckten Facetten seiner Person selbstbewusster zeigen zu können, das unerwartete Wunder der Umwandlung in eine Drag Queen.

Die Suche nach dem perfekten Namen ist aber schwierig. Dadurch spielt Lukas nicht nur mit einem Charakter, sondern mit seiner eigenen Identität. Dieser Prozess wird schnell zu der Suche nach seiner Person, wer er ist und sein möchte. Sein erster Charakter, Donatella, ist eine harte Frau, die ihm aber zu steif ist. Danach kommt Candylicious, der Versuch, süßer und lockerer zu wirken. Das entspricht auch nicht komplett seiner Persönlichkeit.

2017 entsteht endlich Pandora Zee. Sie ist nach einer der schönsten Frau der Mythologie genannt, der Nachname weist auf Lukas echten Nachnamen hin. Er fühlt sich mit Pandora angekommen. Seine Figur, seine Attitüde passen perfekt zu Lukas Vorstellung einer selbstbewussten Frau. „Jeder sagt, sobald ich in diesem Charakter bin, werde ich eine richtige Diva.“ Pandora ist eine selbstbewusstere, teilweise ein bisschen arrogantere Version von Lukas. Sie läuft überzeugt auf die Straße, geht gerne feiern und unterhält sich mit anderen Drag Queens. Lukas Wünsch für Pandora wäre nämlich, an den Drag Shows teilnehmen zu können, wie in der Sendung RuPaul’s Drag Race.

Das Spiel hat jedoch seine Kosten. Pandora möchte immer perfekt aussehen. Dafür braucht sie professionelles Make-up und ein neues Outfit für jedes Girls-Night-Out. Es wird mit der Zeit alles sehr teuer, denn Pandora immer häufiger mit ihrem riesigen Koffer nach Köln zum Feiern fährt. Lukas kann sich auf die Hilfe seiner Mutter einlassen. Seitdem sie den Sohn das erste Mal als Drag Queen gesehen hat, hat sie ihn unterstützt. Sie kauft viel für ihn, sie nähen und basteln zusammen und sie sucht immer nach Inspirationen für neue Outfits. Pandora ist es wichtig, dass die Kleidung ihre Figur betont. Die kurzen und engen Kleider sollen ihr das Flair einer Femme Fatale geben. Wild, sexy und selbstbewusst. Dafür achtet sie nicht besonders auf den Stoffen, denn es ist ihr wichtig, dass sich die Materialien gut auf ihre Haut anfühlen und schön aussehen. Lingerie, Tank Tops und Schlauchkleider sind Bestandteile ihres Kleiderschrankes. Dazu prahlt sie mit ihren blonden Haaren und roten Lippen. Lukas Vorstellung einer schönen Frau im Alltag distanziert sich von der verführerischen Figur Pandoras. Obwohl er sich nicht als Frau auch out of drag vorgestellt hat, würde er sich lieber für elegante und klassische Kleidungsstücke entscheiden.

Sein Freund ist auch ein großer Fixpunkt. Er motiviert Lukas, mehr als Pandora aufzutreten und ist auch nicht eifersüchtig, wenn Pandora ein bisschen flirty im Club wird. Er weiß, das gehört dazu und ist nur Teil der Show.

Der Prozess kostet viel Geld und Zeit, aber Pandora ist mehr als ein Charakter. Sie ist eine Erweiterung von Lukas eigener Identität, die ohne Pandora nicht rauskommen könnte. Hier verwischen sich die Grenzen zwischen Person und Charakter, zwischen Mann und Frau, letztendlich zwischen Lukas und Pandora. Lukas ist grundsätzlich ein junger Mann, aber ein paar Mal im Monat lebt er als eine andere Person, oder vielleicht als seine vollständige Person in anderer Kleidung.

„Ich wäre gerne wie Pandora im echten Leben.“ Lukas fühlt sich als 21-jähriger Schwul in seinem Körper wohl. Er richtet sich als Mann nach keinem Ideal der Männlichkeit: Er schminkt sich im Alltag, trägt gerne Rosa und versteckt seine Homosexualität nicht. Er mag es nicht, sich mit Etiketten wie sexuelle Orientierung oder Kleiderstil zu identifizieren. Sie sind aber da. Gesellschaftliche Kategorien normieren die Identität der Menschen und entweder passt man sich total an, man weicht ein wenig davon oder man ist eher ein Outsider.

„Ich muss als Mann nicht nur auf eine Weise leben und rumlaufen. Ich kann mich schminken, High-Heels tragen und alles tun, solange ich keinem weh tue. Gesellschaftliche Kategorien sind zu einfach.“ Er möchte seine Freiheit als Lukas und als Pandora ausleben. Bekommt er dafür blöde Sprüche, regt er sich heutzutage nicht mehr auf. Er hat verstanden, dass geschlossene Menschen ihre Meinung nicht mehr verändern und erweitern möchten, obwohl es nötig wäre. Die meisten feiern Pandora und möchten Bilder mit ihr haben. Viele Männer würden auch gerne mit ihr schlafen, beweisen die zahlreichen Nachrichten auf ihrem Instagram Profil. In Lukas Worten findet man einerseits viel Mut und Entschlossenheit, andererseits auch ein bisschen Resignation.

Blöde Sprüche sind seltener. „Einmal auf dem CSD musste ich die Absätze ausziehen und ein Mann hat geschrien, die Tranny könne nicht mehr laufen. Solche Sprüche hat man selten aber überall, man muss einfach drüberstehen.“ Die glücklicherweise geringe Häufigkeit solcher Beleidigungen legitimiert für viele die Tatsache, dass sich einige Menschen das noch erlauben. Für Lukas ist es manchmal schwierig, sich komplett akzeptiert zu fühlen. Wenn er geschminkt seine rosa Cap in der Kölner Bahn trägt, wird er noch ein bisschen angeguckt.

Pandora hat ein bisschen mehr Angst. Sie hat zwar nie richtig schlechte Erfahrungen gehabt, aber sie fährt nie alleine Bahn und sie läuft immer mit Anderen in die Straße. Lukas sagt, dass Drag Queens dann lieber Taxi fahren als Bahn, wenn sie allein sind. Obwohl Lukas weniger auffällig und theoretisch weniger gefährdet ist, hat er mehr Angst, weil er sich unsicherer fühlt. Pandora ist hingegen viel auffälliger und sie kehrt ihre starke Persönlichkeit heraus. Man könnte sagen, sie spielt mit dem Feuer, wenn man sich die intoleranten Menschen unterwegs anguckt. Sie hat aber etwas Besonderes an ihrer Seite: Ein großes Selbstbewusstsein und eine starke Lebensgier, die in Lukas entstehen und durch Pandora explodieren.

Genau das ist das Emblem Lukas Umwandlung in Pandora. Es ist mehr als ein Hobby, mehr als eine Show. Die Drag Queen hilft dem jungen Mann, sich vollständig auszuleben und glücklicher zu sein. Lukas kann nicht sagen, ob er schon immer eine Pandora brauchte. Die Neugier war schon in seiner Kindheit da und nach den ersten öffentlichen Auftritten ist sie zum Bedürfnis geworden. Er ist heute davon überzeugt, dass er jetzt Pandora braucht, weil er durch sie mehr und anders erleben kann.

*Name geändert

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