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Fair-Fashion schützt vor Fehlkäufen

Viele reden über ethische Mode und Fair-Fashion, gekauft wird jedoch wenig. Auch in Ostwestfalen gibt es nur drei Läden, die sich den Fair Trade Textilien verschrieben haben.

Kunden und Verkäufer in Bielefeld machen einen Kassensturz. 29 Milliarden Euro Umsatz hat die deutsche Textilindustrie 2015 laut des Gesamtverbandes Textil und Mode gemacht. 71,2 Millionen Euro beträgt der Bruttoumsatz von Fair Trade Textilien in dem Jahr. So berichtet es das „EHI Retail Institute“. Nur zwei Geschäfte von Maas Natur und der Laden Fair Ticken vertreiben in OWL faire Mode. Zentrale Argumente und Vorurteile werden oft genannt: zu teuer, zu wenig Auswahl, zu unmodisch.

Die Mode hat faire Kleidung für sich entdeckt

Die Jeanshosen auf dem Ständer vor dem kleinen Laden unterscheiden sich nicht von denen bekannter Ketten. Das ist es, was „Fair Ticken“ zu etwas Besonderem macht. Denn die Mode des Ladens ist nicht altbacken-öko, sondern spiegelt den Zeitgeist wieder.

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Rabea Raschke arbeitet nebenbei bei Fair Ticken, hauptberuflich ist die Diplom-Sozialarbeiterin.

Laut einer Studie von „Deals.com“ von 2013 sagen 22 Prozent der Befragten, sie würden fair kaufen, wenn die Kleidung dem eigenen modischen Geschmack entsprechen würde. „Der Fair-Fashion Bereich hat sich vor fünf bis zehn Jahren total entwickelt“, sagt Rabea Raschke, Verkäuferin bei Fair Ticken. „Alles, was heute modisch ist, kriegst du so auch dort zu kaufen.“ Tatsächlich finden sich in den Holzregalen des grün-gestrichenen Lädchens auch Slim Jeans, eine große Auswahl an Sneaker oder Parka.

„Früher war es so, dass man die Öko-Mode auf den ersten Blick erkennen konnte, da sie formlos geschnitten war“, sagt auch Barbara Ludwig, Filialleiterin bei „Maas“. In dem Fachwerkhäuschen in der Bielefelder Altstadt reihen sich die ordentlich gefalteten Strickpullover zwischen Holzbalken aneinander. In diesen Räumen kann Kleidung von Maas Natur geshoppt werden. Hier kauft auch Angelika Tünnermann, Büchereileiterin vom Krankenhaus Bethel. Für sie sollte Fair Fashion die Waage halten können zwischen modisch und zeitlos. „Das ist teurere Kleidung und die möchte ich auch lange tragen“, sagt Tünnermann.

Fair Trade und Fair-Fashion ist und bleibt teuer

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Barbara Ludwig arbeitet als Filialleiterin bei Maas Natur in Bielefeld.

Bei Deals.com sagten 23 Prozent der Befragten, dass ihnen Fair Trade zu teuer sei. Angelika Tünnermann sieht das anders: „Die Sachen sehen nach dem vielen Waschen noch gut aus.“ So habe sie auch lange etwas davon. „Als Schneiderin ist mir klar, dass kein Mensch ein T-Shirt für 9 Euro nähen kann“, sagt Doris Kuhlmann zum Thema Preis. Sie stöbert gerade durch das Royal-blau eines Kleiderständers bei Maas. „Das kann nur heißen, dass die Menschen nur 15 Cent daran verdienen.“

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Seit ihrer Umstellung auf Fair-Fashion ist Friederike Kaster ihrem Stil treu geblieben.

.Friederike Kaster studiert Medizin in Essen. Wenn sie in Bielefeld zu Besuch ist, macht sie auch mal einen Abstecher zu „Fair Ticken“. In ihrem Kleiderschrank hat sie momentan eine Auswahl an Teilen, die sie oft und gerne trägt. Denn die 27-Jährige shoppt deutlich weniger, seit sie faire Kleidung kauft. „Früher hab ich schon auch mal was gekauft, wenn es nicht mir so richtig gefiel, heute nicht mehr“, sagt sie. Die Fehlkäufe reduzieren sich dadurch. Angelika Tünnermann teilt diese Erfahrung: „Der Schrank bleibt klein und übersichtlich.“

Um nachhaltig zu konsumieren, muss nicht immer Fair-Fashion gekauft werden. Angelika Tünnermann tauscht auch gerne Sachen. „Wir haben jahrelang Tauschbörsen veranstaltet, das ist für uns ganz normal.“

Christiane Kupfer hat Secondhand gekauft, bevor sie mehr ethisch korrekte Kleidung kaufte. „Das kostet wenig und man verwendet die Kleidung wieder“, erläutert die Sozialarbeiterin.

Upcycling ist die neue Bewegung

Unbeliebte Kleidung kann auch umgestaltet werden. Viele kennen das unter dem Begriff Upcycling. „Da gibt es eine tolle Entwicklung, leider ist das immer noch zu sehr Nische“, sagt Kuhlmann.

Vorurteile kennen die Käufer fairer Mode auch in anderen Zusammenhängen: „Es ist ein bisschen so, als wäre man Vegetarier“, sagt die Studentin Friederike Kaster. Viele meinen, Fair Trade sei nicht transparent genug oder es wäre nur ein Hype. Manchen Menschen fühlen sich dadurch angegriffen, auch wenn das Thema gar nicht fokussiert wird. Die Angst besteht von Fair-Trade-Käufern verurteilt zu werden. „Meine Schwester fand meine Entscheidung gut, aber hoffte auch, dass ich ihren Konsum akzeptiere“, sagt Anneke Paijmans, Studentin der Verhaltensforschung.

Brauchen wir mehr Auswahl?

23 Prozent der Befragten von „Deals.com“ gaben an, dass sie häufiger Fair Trade Kleidung kaufen würden, wenn sie wüssten, wo. Lokale Geschäfte gibt es wenige, das zeigt schon die Auswahl in OWL. Auch in Essen und Bochum sind nur wenige Läden angesiedelt, wie Friederike Kaster berichtet. Sie kauft viel im Internet. „Ich finde, dass wir in der glücklichen Situation sind, Wahlmöglichkeiten zu haben – man kann sich Fair-Trade Mode im Netz anschauen“, sagt auch Christiane Kupfer. Direktkauf ist für sie die aber bessere Alternative, da sie umweltverträglicher ist. Friederike Kaster resümiert zu Fair-Fashion: „Man kann nur einen Markt für sowas schaffen, wenn man in die Richtung konsumiert.“

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Christiane Kupfer guckt sich ihre Kleidung vor dem Kauf ganz genau an.

 

2 Comments

  1. Karin meschzan

    Liebes Team,

    danke für die vielen interessanten Beiträge und Denkanstöße.
    Zum Artikel „Fair-Fashion schützt vor Fehlkäufen“ möchte ich ergänzen, dass es in Bielefeld noch eine weitere Quelle für fair produzierte Kleidung gibt. Es handelt sich um die Firma Geniestreich in Bielefeld-Quelle. Die eingesetzten Materialien sind GOTS zertifiziert. Produziert wird ausschließlich in Bielefeld zu fairen Löhnen und unter sehr guten Arbeitsbedingungen. Die Jeans kauft man direkt beim Produzenten.
    Viele Grüße,
    Karin

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