Lasst uns Fragen stellen

Heute ist Fashion Revolution Day. Was steckt dahinter?

Revolutionen entstehen dort, wo Missstände herrschen. Dass die Bedingungen in der Textilindustrie prekär sind, ist mehr oder weniger allgemein bekannt – doch was dort genau schief läuft und was man als Einzelner dagegen tun kann, ist eher diffus und für Konsument_Innen in der westlichen Welt schwer fassbar. Doch am 24. April 2013, heute vor vier Jahren, wurden die Probleme plötzlich sehr konkret: 1134 Menschen starben und mehr als 2500 wurden verletzt, als das Gebäude Rana Plaza in Dhaka, Bangladesch, einstürzte. In der Fabrik ließen bekannte Modemarken ihre Kleidung nähen. Die Bilder des völlig zerstörten Gebäudes und der weinenden Frauen brannten sich in die Köpfe der Menschen, die im Benetton-Pulli sicher auf ihrem Sofa saßen und plötzlich mit der Kehrseite des Produktes, das sie am eigenen Leib trugen, konfrontiert wurden. Das Datum wurde zum Symbol einer Bewegung: dem Fashion Revolution Day.

We want fashion to become a force for good

NGOs, die sich für ethische Standards in der Textilindustrie einsetzen, gibt es (glücklicherweise) einige. Doch der Fashion Revolution Day ist in seiner Form einzigartig: Gebündelt an einem Tag bzw. einer Woche im Jahr wird die volle Power der Kampagne genutzt, um Menschen auf der ganzen Welt auf das Thema aufmerksam zu machen. Neben lokalen Events nutzt die Bewegung geschickt die sozialen Netzwerke: Unter den Hashtags #whomademyclothes und #showyourlabel sind Nutzer_Innen aufgerufen, ihre Kleidung auf links zu tragen, Fotos von den Etiketten zu posten und dabei den Account der jeweiligen Modemarke zu markieren. 70.000 Menschen folgten dem Aufruf 2016, auch Prominente. Eine Flut von Bildern, fordernde Augen, bohrende Fragen, eine öffentliche Konfrontation – können es sich die großen Konzerne leisten, darauf nicht zu reagieren?

Die Hürde, sich als Einzelner zu beteiligen, ist niedrig. Die Kampagne verspricht: Wenn wir nur die richtigen Fragen stellen und Transparenz fordern, werden auch die anderen Probleme lösbar sein. Druck auf die großen Marken soll den Stein ins Rollen bringen: mit dem Ziel, eine ethischere, fairere und nachhaltigere Modebranche zu etablieren. Aus Sicht der Kampagne ist der erste Schritt, Unglücke wie Rana Plaza zu verhindern, dass die großen Modefirmen selbst wissen, wo ihre Kleidung hergestellt wird. Laut dem „Behind the Barcode Report“ kann ein Großteil der Konzerne nicht nachvollziehen, wo jedes Teilstück ihrer Kleidung produziert wird und von wem. Und damit natürlich auch nicht, ob die Gebäude, in denen die Näherinnen sitzen, einsturzgefährdet sind. Oder Notausgänge haben. Oder ob die Arbeiterinnen von ihrem Lohn leben können. Zugegeben, die Lieferketten sind komplex. Deswegen braucht es den Druck der Konsument_Innen und der Politik.

Wir haben mehr Macht, als wir denken. Die Fragen, die wir stellen, und unsere Shoppinggewohnheiten können eine ganze Industrie verändern.

Der Fashion Revolution Day gibt den Menschen hinter unserer Kleidung ein Gesicht. Denn es gibt auch Marken, die auf die Frage #whomademyclothes mit Fotos antworten, auf denen Näherinnen ein Schild mit der Aufschrift #imadeyourclothes in die Kamera halten. 1000 Firmen taten das 2016. Inszeniert? Greenwashing? Man weiß es nicht. Den Zweck, sich von unserem entfremdeten Verhältnis zu unserer Kleidung wieder ein Stück weit Richtung Menschlichkeit zu bewegen, erfüllt es dennoch.

#whomademyclothes? #insideout #showyourlabel

Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zum Fashion Revolution Day. Warum mögen viele den Muttertag nicht? Weil er suggeriert, man müsse der Mutter nicht stets im Jahr Dankbarkeit und Wertschätzung entgegen bringen – mit einem Blumenstrauß an einem Sonntag im Mai sei es getan. Wo unsere Kleidung hergestellt wird und wer darunter leidet, sollte uns sooft bewusst sein, wie wir Kleidung tragen: jeden Tag. Und trotzdem unterstütze ich den Fashion Revolution Day, um ein Zeichen zu setzen. Weil es uns nicht egal sein sollte, was der Stoff, den wir auf der Haut tragen, anrichtet. Und jede Revolution fängt schließlich klein an.

Der Fashion Revolution Day ist der Startschuss für die Fashion Revolution Week, die vom 24. bis 30. April 2017 auf der ganzen Welt stattfindet. Mehr Info zu den Hintergründen, Termine für Events und Tipps, wie man sich beteiligen kann, gibt es hier:

www.fashionrevolution.org

Filmtipp: The True Cost

Grafiken: Fashion Revolution Day

Schreibe einen Kommentar