Vom Recherchieren zum STOFF – Teil 1: Handwäsche

Jeder kennt die kleinen Symbole auf den Schildchen im T-Shirt oder Hemd. Aber was bedeuten sie eigentlich genau? Was erzählen sie über den Stoff? Und was hat das alles mit unserem Projekt zu tun?

1. Handwäsche

Und dann haben wir diese himbeerfarbenen Körner in der Hand. Wir sitzen in der Berliner Küche von Anne Jelena. Es gibt Whiskey und Kaffee. Und das Tütchen mit den Körnern geht von Hand zu Hand. Kann man das essen? Sind das Drogen? Hmm, das sieht lecker aus!!! Am liebsten würden wir probieren. Anne Jelena hat die Körner aus Argentinien mitgebracht, von den Baumwollfeldern. In einer luftdichten Tüte. Aber, sagt sie, lasst die Körner in der Tüte! Anschließend Händewaschen, und in den Mund nehmen sollte man sie auf keinen Fall! Denn die Körner sind hochgiftig.Andrés Baumwollsamen Insketizid und Fungizid behandelt

Es handelt sich um Baumwollsamen. Baumwolle ist empfindlich. Es gibt jede Menge Schädlinge. Mit Flugzeugen werden die Felder regelmäßig mit Chemie besprüht. Vor der Pflanzung werden die Samen mit dieser giftigen, himbeerfarbigen Substanz bearbeitet. Und der Agrar-Konzern Monsanto verdient sich eine goldene Nase damit…

Manche Stoffe vertragen nur Handwäsche. Das Symbol in der Waschanleitung stellt einen stilisierten Waschbottich dar, in den eine Hand hineingreift. Es sind empfindliche Stoffe, die damit gekennzeichnet werden. Stoffe, die durch eine Waschmaschine zerstört werden würden. Wolle zum Beispiel. Denn jede Wollfaser ist von einer Schuppenschicht umgeben. In der Waschmaschine können sich diese Schuppen durch die mechanische Belastung miteinander verhaken, so dass der Stoff verfilzt. Seide dagegen kann in der Waschmaschine die Farbe oder seinen seidigen Glanz verlieren. Deswegen nur mit der Hand waschen!

So ist es auch mit dem Recherchieren von Geschichten in unserer Wirklichkeit. Manche Themen und Stoffe sind sensibel. Sie gehen kaputt, wenn man nicht vorsichtig mit ihnen umgeht. Da gibt es keinen Schnellwaschgang, um möglichst rasch zu Ergebnissen zu kommen. Ja, man kann sich auch die Finger verbrühen, wenn das Wasser zu heiß ist. Und vielleicht werden die Hände auch rau und rissig vom Wasser und vom Seifenpulver.

Im Oktober 2016 sind Tobias Rausch und Thao Tranh von recherchepool nach Hanoi (Vietnam) gereist. Eine Stadt, in der Verkaufsstände mit geröstetem Hundefleisch auf offenem Feuer neben futuristischen Bürotürmen aus Glas stehen. In der es mehr Apple-Logos im Stadtbild gibt als in Berlin, aber das Stromnetz täglich ausfällt. Außerhalb von Hanoi haben Thao und Tobias Stoffmärkte, Nähfabriken und ein Seidendorf besucht. Sie haben mit Fabrikdirektoren an Konferenztischen gesessen. Den ohrenbetäubenden Lärm in mechanischen Webereien gehört. Und die Experten von der Handelskammer interviewt. Viele Eindrücke – aber oft blieben die Gespräche an der Oberfläche.

In Vietnam erzählt nicht jeder gleich seine Geschichte. Vielleicht weil sich der Einzelne nicht so wichtig nimmt. Vielleicht weil die Geheimpolizei mithört. Vielleicht weil man sich aufs Geldverdienen konzentrieren muss. Wer etwas wirklich erfahren will, muss also Vertrauen aufbauen. Viele Hände schütteln. Private Kontakte knüpfen. Zusammen Phô-Suppe essen. Und zum Schluss ein gemeinsames Erinnerungsfoto – ganz wichtig!

Recherche lässt sich nicht im Waschmaschinen-Modus erledigen. Sie hat etwas mit Zeit zu tun, die man sich lassen muss. Sie hat etwas mit Sensibilität im Umgang mit den Stoffen und Menschen zu tun, auf die man trifft. Sie erfordert auch körperlichen Einsatz, so wie das Auswringen und Walken der Wäsche im Bottich. Manche Dinge muss man mit eigenen Händen anfassen, um ein Gespür dafür zu bekommen. Es macht einen Unterschied, eine TV-Doku über die Nähfabriken in Fernost zu sehen oder selbst in einer zu stehen. In der Recherche geht es um Erfahrung, nicht um Wissen. Darum, mit beiden Händen ins volle Leben reinzugreifen. Und nicht am Computer zuhause rumzugooglen.

Die meisten von uns haben keine wirkliche Beziehung zum Stoff, den wir auf unserer Haut tragen. Können wir wirklich wahrnehmen, ob es sich um Qualität oder um schnell produzierte Billigware handelt? Steckt er voller Gifte? Sind die Nähte sauber gearbeitet? Viele von uns kaufen Klamotten im Internet. Ganz ohne den Stoff vorher anzufassen. Aber genau darum geht es in unserem Projekt. Wieder die Dinge mit eigenen Händen zu begreifen. Eine Sensibilität zu entwickeln für den Wert, den ein Stoff haben kann. Die Wahrnehmung zu schärfen. Indem wir per Hand waschen. Und uns dabei die Hände vielleicht auch schmutzig machen.

So hinterlässt manches Spuren. Etwa wie der Besuch bei einem Sozialprojekt in Mai Chau, in dem junge Frauen zu Näherinnen ausgebildet werden. Eine Frau hat eine abgeknickte Hand. Mit der anderen Hand schneidet sie mit einer kleinen Schere Fadenreste von einem Stoffstück ab. Eine andere Frau zieht ihren Fuß nach und schleppt trotzdem schwere Stoffrollen durch den Lagerraum. Im Vietnam-Krieg wurde hier von amerikanischen Flugzeugen großflächig das Entlaubungsmittel „Agent Orange“ versprüht. Das Gift führt immer noch, zwei bis drei Generationen später, zu Fehlgeburten und Behinderungen. Produziert wurde es übrigens von Monsanto (denselben, die heute mit Gift für Baumwoll-Samen in Argentinien ihr Geld verdienen)…

Aber Mitleid ist in Mai Chau fehl am Platz. Die Frauen sind stolz auf ihr Projekt. Sie nähen Stofftiere und Umhängetaschen, die in Flughäfen-Shops verkauft werden. Zum Projekt gehört ein Gästehaus, in dem Touristen übernachten können. Als nächstes suchen sie einen europäischen Designer, der mit ihnen ein gemeinsames Label entwickelt. Das Projekt (Hoa Ban+ Handicraft) ermöglicht ihnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, eigenes Geld zu verdienen und ihre Fähigkeiten zu beweisen – in einem Land, in dem behinderte Familienangehörige häufig noch schamhaft versteckt werden. Auf der Rückfahrt nach Hanoi sind wir betroffen und voller Bewunderung zugleich. Ein Wirrwarr in unseren Köpfen. Diese Recherche hat uns selbst verändert.

Aber nicht nur in Vietnam merken wir, dass Fingerspitzengefühl in der Recherche gefragt ist. Bei unseren Interviews in Bielefeld stellen wir fest, wie sensibel unser Thema eigentlich ist. Seit dem Einsturz einer Nähfabrik in Bangladesh 2013 ist der Ruf der Bekleidungsindustrie miserabel. Eine ganze Branche steht auf einmal am Pranger. Einige Unternehmen scheinen Sorgen zu haben, dass wir nur in die gleiche Kerbe schlagen wollen wie die Medien. Und sind deswegen recht schmallippig. Andere sind in einer wirtschaftlich prekären Lage, die Bekleidungsbranche ist mal wieder in der Krise – will man sich da in die Karten schauen lassen?

Natürlich geht es uns weder um das eine, noch um das andere. Sondern darum, die Perspektive der Menschen selbst kennenzulernen. Nicht von außen zu urteilen. Sondern verstehen zu wollen. In Bielefeld, in Vietnam, in Argentinien. Wie das alles zusammenhängt. Was das mit uns zu tun hat. Und, ja, vielleicht muss man dazu die himbeerfarbenen Baumwollsamen einmal selbst in die Hand genommen haben. Auch wenn es giftig ist.

Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie „Vom Recherchieren zum STOFF“:
Teil 2: Bleichen nicht erlaubt
Teil 3: Mittlere Bügeltemperatur

Teil 4: Nicht im Trockner trocknen

Foto: Anne Jelena Schulte
Video: Tobias Rausch

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