Kleider machen Leute – und Vorurteile

Ob bewusst oder unbewusst, unsere Kleidung kommuniziert. Sie drückt aus, spiegelt wider und  enthüllt dem Gegenüber einen Teil unserer Persönlichkeit – Interessen, Stil, Musikgeschmack und Religion können wir innerhalb einer Sekunde feststellen. Welche Macht Kleidung besitzt, manifestiert sich aber vor allem in den Vorurteilen, die sie schafft. Ein Kleidungsstück kann das besonders schnell: der Hidschab. Obwohl Kopftücher auch Bestandteil des Christen- und Judentums sind, ist der Hidschab mehr als nur eine Kopfbedeckung. Seit langem fester Bestandteil medialer Berichterstattung und Auslöser für hitzige Debatten, gilt er längst als Symbol der unterdrückten arabischen Frau. Dass es so simpel nicht ist, erklärt uns die 25-jährige Bielefelder Studentin Kübra in einem Gespräch.

Gegen den Kopftuchzwang

In der Menschenmenge fällt Kübra sofort auf. Hübsch sieht sie aus in ihrem hellblauen Kopftuch, das sie ordentlich um den Kopf gewickelt und farblich auf ihre Bluse abgestimmt hat. An ihrem Rucksack hängt ein Anstecker mit der Aufschrift „Uni ohne Vorurteile“. Sie weiß, dass sie mit ihrem Kopftuch eine religiöse Aussage trifft, die viel Raum für Vorurteile lässt, auch in der Uni. An die Blicke hat sie sich mittlerweile gewöhnt, „so sind Menschen nun mal“, sagt sie gelassen. Woran sie sich nicht gewöhnen möchte sind die zahlreichen Ressentiments, mit denen sie täglich konfrontiert wird.

Kübra trägt ihr Kopftuch seit der achten Klasse. Mit familiärem Zwang hatte ihre Entscheidung nichts zu tun, im Gegenteil: „Ich wollte das Kopftuch schon in der fünften Klasse tragen. Meine Eltern haben mich aber davon abgehalten, weil sie meinten, dass ich zu jung sei“. Natürlich ist das nicht in jeder Familie so, dessen ist sich Kübra bewusst. In vielen Familien wird das Kopftuchtragen erzwungen. Kübra sieht darin einen Verstoß gegen den Islam: „Wenn Zwang die Entscheidung herbeiführen soll, ist der Sinn des Kopftuchtragens weit verfehlt. Das muss jede Frau für sich selbst entscheiden, da haben weder Papa noch Bruder ein Mitspracherecht“ , sagt sie. Auch kommt das Erzwingen des Kopftuchtragens seltener vor, als manch Verurteilender glaubt: „In meiner ganzen Familie wurde niemand gezwungen und auch bei all meinen Freundinnen und Bekanntschaften war das Kopftuchtragen eine persönliche Entscheidung, so wie es sein sollte. Wer den Islam verstanden hat, wird niemanden zwingen“.

Dass Muslima sich freiwillig dazu entschließen ein Kopftuch zu tragen, wird häufig nicht geglaubt. Noch weniger, dass das Kopftuch ein feministisches Statement sein kann und die Selbstbestimmung einer Frau repräsentiert. Denn muslimische Frauen werden häufig als Monolith gesehen, in dem alle gleich handeln. „Ich kann verschiedene Frauen fragen, jede wird mir einen anderen Grund für ihr Kopftuch nennen“, erklärt Kübra, „manche tragen es aus Zwang, manche aus Schutz. Andere aus kulturellen Gründen und wieder andere aus religiösen. Viele vergessen, dass auch der Islam konservative und liberale Strömungen hat, die die Interpretation des Kopftuchs bestimmen“. Kübra trägt das Kopftuch nicht für ihr Umfeld, sondern für Gott. Ähnlich wie die Mündigentaufe einer christlichen Glaubensgemeinschaft, ist es ein visueller Ausdruck ihrer Religiosität und Hingabe, der nur zwischen ihr und Gott stattfinden sollte. Sie beschreibt es als Teil ihrer Identität, eine bewusste religiöse Entscheidung, die weder Unterdrückung noch politische Weltansicht darstellt.

Kopftuch = ungebildet

Ein Vorurteil stört Kübra besonders, nämlich dass Frauen, die Kopftuch tragen, als ungebildet gelten. Daher ist es ihr wichtig, dass jede kopftuchtragende Frau nach Möglichkeit studiert, promoviert und ihren Beruf ausübt: „Unser Kopftuch hat nichts mit Intellekt zu tun. Das müssen wir  immer beweisen“. Kübra studiert seit zwei Jahren Soziologie, in ihrer Freizeit liest und lernt sie viel. Ihre Eltern haben großen Wert darauf gelegt, dass sie ihr Abitur macht, um studieren zu können. Heirat stand nie im Mittelpunkt ihrer Zukunft, auch bei ihren Schwestern nicht. Für Kübra und ihre Eltern ist das Streben nach Wissen tief im Islam verankert und die Pflicht eines jeden Gläubigen, unabhängig vom Geschlecht: „Das erste Wort im Koran lautet ‚Lies‘. Der Heilige Prophet sagt: ‚Strebe nach Wissen, selbst wenn du zu diesem Zweck nach China gehen musst‘. Wissenserweiterung ist unsere Pflicht. Die bezieht sich nicht nur auf den Islam und den Koran, sondern auf alle Bereiche der Wissenschaft“. Etwa 750 der Verse im Koran empfehlen den Gläubigen zu lernen, studieren, hinterfragen und reflektieren. Wissenschaftliche Arbeit soll zu der Entwicklung der Gesellschaft beitragen, egal ob Mann oder Frau dahintersteckt. Dennoch ist das Bild der ungebildeten Kopftuchträgerin immer noch weit verbreitet. Auch das liegt an der Verallgemeinerung einer Religion, die sich über geographisch und kulturell unterschiedliche Länder erstreckt, über die aber nur ein Bild vermittelt wird. „Dass Muslima sich nicht weiterbilden können, liegt in den meisten arabischen Ländern an anderen Faktoren, wie zum Beispiel Armut oder  alten Traditionen, durch die Frauen benachteiligt werden. Wenn sich das mit dem Kopftuch überschneidet, entsteht ein falsches Bild, das uns alle in einen Topf wirft“, sagt Kübra.

Konfliktstoff

Die wenigsten Vorurteile treffen auf Kübra zu. Politisch ordnet sie sich eher links ein, sie reist viel und verbringt am liebsten Zeit mit ihren Freundinnen. Sie ist eine ganz normale Studentin, nur eben mit Kopftuch. Dass Kübra trotz der Vorurteile gegen ihr Kopftuch verständnisvoll auf ihre Umwelt reagiert, liegt an der medialen Unterrepräsentation junger, liberaler Kopftuchträgerinnen:

„Es gibt viele Muslima, die so denken wie ich“, sagt sie, „nur verschweigen die Medien diese Seite des Islams, pauschalisieren und berichten einseitig. So entstehen hartnäckige Stereotype und verstärken Ressentiments“.

Kübra wünscht sich, dass die mediale Berichterstattung mehr Frauen wie sie zu Wort kommen lässt. Und dass nicht stumpf verurteilt, sondern nachgefragt wird. Dennoch sieht Kübra optimistisch in die Zukunft: „Ich merke, dass wir langsam mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das sorgt für mehr Verständnis und weniger Vorurteile“, sagt sie zufrieden und lächelt.

Fotos: Thomas Kalak

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden.

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