„Alles ist erlaubt!“ Über die emotionale Macht der Kleidung, Unisex und die Angst vor dem roten Kleid

Ein Interview mit Thekla Wilkening, Gründerin der Kleiderei

Die Kleiderei ist ein reines Konzept für Frauen. Warum?
Thekla Wilkening: Es gibt dieses eine Date oder ein Bewerbungsgespräch, das man hat, wofür man ein neues Outfit braucht. Frauen verbinden mit Kleidung Emotionen, sie denken: „Beim letzten Mal hat’s nicht geklappt, jetzt will ich den ‚Pechrock‘ nicht nochmal anziehen, ich brauche einen neuen!“ Wenn ein Mann einen Anzug hat, zieht er diesen bei jedem Bewerbungsgespräch an. Anderes Beispiel: Mein Freund und ich haben uns gestritten und den Pullover, den er dabei trug, mag ich nun nicht mehr sehen. Er denkt nicht mehr an den Streit, wenn er den Pulli trägt, ich aber schon. Frauen versuchen diese Gefühle mit shoppen ausgleichen und sich neue Sachen zu kaufen. Wäre es nicht aber cooler, wenn sie Kleidung leihen könnten?

Wäre ein Angebot für Männer nicht dennoch einen Versuch wert?
Thekla Wilkening: In Hamburg gab es im Januar und Februar einen Pop-up-store. Wir wollten das Konzept für Männer testen. Leihen die Männer gern oder wollen sie lieber kaufen? Unisex zu kommunizieren ist schwierig. Das fängt schon bei der Farbigkeit der Website an… Für Frauen und Männer eine gemeinsame Sprache zu finden (Anmerkung: z.B. Slogans), das ist die Königsdisziplin. Die Frauen kennen uns Mädels, finden uns witzig. Wir benutzen Worte, die auch sie benutzen, wir duzen uns. Gute Online-Shops, die auch Kleidung für Männer anbieten, sind sehr „basic“, da macht man keine Witze.

Noch nicht…
Warum stellt Ihr die Pakete für Eure Online-Kunden selbst zusammen?

Thekla Wilkening: Wir versuchen, dem Kunden mehr Mode zuzumuten. Er bekommt seine Basic-Teile, wenn er sie sich wünscht. Dazu packen wir aber auch mal ein Teil, das einen Schritt weiter geht, in der Hoffnung, dass er sich darin wohlfühlt. Die meisten Menschen sehen auch mit Farbe viel besser aus oder fühlen sich besser. Das ist etwas, das verloren geht.

Kleiderei2_vonKathrinAhaeuserIst der Kunde nicht sein eigener Stylist?
Thekla Wilkening: Designermode lebt davon, dass der Designer sagt: Das trägt man dieses Jahr und auch du kannst dich trauen, das zu tragen. Das Einzige, was du brauchst, ist Geld. Die meisten Leute sind aber zu unsicher, etwa ein rotes Kleid zu tragen. Wenn aber Karl Lagerfeld sagt: „Man trägt rote Kleider, das ist cool“, dann traut man sich das eher, als wenn man es allein auf dem Flohmarkt kauft. So ist es auch bei uns: Unser Paket enthält Empfehlungen.

Gibt es modische Tabus?
Thekla Wilkening: Du kannst alles anziehen, was du willst und niemand wird komisch gucken, du musst dich nur trauen. Alles ist erlaubt. Nur wenn du dich selbst komisch anschaust, dann merken die anderen Leute deine Unsicherheit. Wenn du etwas anziehst, worin du dich wohlfühlst, werden die meisten Leute sagen „Du siehts toll aus!“

Das Konzept der Kleiderei

  • Immer vier Kleidungsstücke (auch Taschen, Schuhe oder Schmuck) können gleichzeitig ausgeliehen werden. Im Store in Köln kann ganz flexibel jederzeit getauscht werden. Online leiht man für einen Monat, mit der Option zu verlängern.
  • Bestellt man online, bekommt man vier Kleidungsstücke zugesandt, die von der Kleiderei selbst zusammengestellt, aber genau auf den Kunden abgestimmt sind. Der Kunde kann Lieblingsstücke favorisieren und in der „Love-list“ angeben. Es gibt einen Fragebogen, anhand dessen Kunden ihre modischen Vorlieben angeben.
  • Im Laden beträgt die Leihgebühr 25 Euro (22 Euro für Studenten) pro Monat. 39 Euro kostet ein Paket online.
  • Jeder Vertrag kann nach einer Startphase von 3 Monaten, monatlich gekündigt werden. Pausieren oder eine vergünstigte Jahresmitgliedschaft (nur im Store) ist auch möglich.
  • Das Sortiment ist gemischt, bestehend aus Einzelstücken. Diese sind nicht immer ausgezeichnet, denn alle Teile sollen gleich geschätzt werden.

www.kleiderei.com

Fotos: Kathrin Ahäuser

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