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„Manchmal stehe ich stundenlang im Laden und lese die eingenähten Etiketten“ – Interviewserie „Wie wir konsumieren“

Medienwissenschaftlerin Sina (29) erzählt uns, wie sie zu ihrem Modekonsum steht, mit welchen Herausforderungen sie sich konfrontiert sieht und was sie sich von den Modekonzernen in Zukunft wünscht.

Sinas Motto ist: Modebewusstsein zeigen, dabei authentisch zu bleiben und sich nicht jede Saison neu erfinden zu müssen. Sie besitzt ca. 25 Paar Schuhe und muss darüber selbst lachen – anscheinend mehr als sie braucht. Dennoch betont sie, Kleidung in erster Linie aufgrund ihres praktischen Nutzens zu kaufen. „Sich vor Umwelteinflüssen zu schützen und gleichzeitig stilvoll gekleidet zu sein, sollte sich nicht ausschließen“, fügt sie hinzu. Was auf keinen Fall in ihrem Kleiderschrank fehlen darf sind ein Blazer, Jeans, Karohemden, T-Shirts und das kleine Schwarze.

Es gibt natürlich Kleidungsstücke, die Sina weniger als fünf mal getragen hat. Dazu zählt ihr Abiballkleid. Kleidung aus dem Sale, die sich im Nachhinein als Fehlkauf erwiesen hat, trägt sie dann höchstens noch zum Schlafen. Aus diesem Grund vermeidet die Studentin Schlussverkäufe. „Das Angebot entspricht meist nicht meinen Ansprüchen und ich will mich nicht von den günstigen Preisen verführen lassen“, erklärt sie selbstreflektiert.

Modekonsum: Klasse statt Masse

Der Medienwissenschaftlerin geht es mehr um Klasse statt Masse. Sie zahlt daher gerne das Doppelte oder Dreifache von dem, was H&M, C&A, Zara und Co. verlangen würden. Für ihre Winterjacke und eine fair und „halbwegs ökologisch“ produzierte Outdoorjacke hat Sina deshalb auch sehr tief in ihr Portemonnaie gegriffen. „Ich verzichte dafür auf andere teure Anschaffungen und besitze weniger Kleidungstücke, die dafür mehrere Jahre halten.“ Dennoch gibt sie zu, dass so manch ein Kleidungsstück schon sehr lange ungetragen in ihrem Schrank hängt. Abendgarderoben seien davon besonders betroffen. „Ich freue mich dann immer, wenn ich einer Freundin etwas ausleihen kann, sodass die schönen Kleider eben nicht nur für diesen einen Anlass gemacht wurden.“

Einmal im Quartal kauft sich Sina ein neues Outfit. Beim Kauf achtet sie vor Allem auf die Bestandteile der Stoffe. Die Kleidung soll nach Möglichkeit frei von synthetischen Fasern wie Polyester oder Acryl sein. Baumwolle, Leinen oder ähnlich organische Materialien sind ihr lieber. Allenfalls bei Schals macht sie mal eine Ausnahme. „Ich fühle mich sonst wie in einer Plastiktüte. Das ist ein unangenehmes Tragegefühl“, erklärt sie. „Manchmal stehe ich stundenlang im Laden und lese die eingenähten Etiketten, bis ich dann endlich ein Teil gefunden habe, das komplett aus Baumwolle besteht.“ Bei Hosen sei die Suche besonders schwer, da fast alle Damenhosen Elastan enthalten. „Das ein oder andere Mal habe ich schon überlegt mir eine Hose aus der Männerabteilung zu kaufen. Da wird man schneller fündig.“ Aus Zeitmangel oder wegen der Passform geht sie jedoch häufig Kompromisse ein.

Der emotionale Wert

Gerade Kleidungsstücke mit einem emotionalen Wert wie Geerbtes oder eine Tasche aus Stockholm lässt Sina auch reparieren oder bessert sie selbst aus, wenn es nötig ist. Denn es hängen Erinnerungen an solchen Lieblingsstücken. Wenn die Farbe erblasst, dann färbt sie sogar hin und wieder nach. „Allerdings stopfe ich keine Socken. Das hat meine Mutter früher noch gemacht.“

Der Weg in die richtige Richtung braucht Zeit

Ihr Konsumverhalten sieht Sina insgesamt ambivalent. Es hat eine Entwicklung durchlebt. Sina ist noch nicht da, wo sie sein will: „Ich finde gut, dass ich mir nicht mehr tausend Teile kaufe und darauf achte, was gut ist. Aber ich setze mich noch zu wenig mit dem ganzen Thema auseinander, um im übertragenen Sinne behaupten zu können, eine weiße Weste zu tragen.“

Die Medienwissenschaftlerin weiß häufig nicht wie ihre Kleidung gefertigt wurde und ob der Arbeiter in Taiwan von einem höheren Preis wirklich profitiert. „An dieser Stelle wünsche ich mir mehr Offenheit von den Modekonzernen und auch die Bereitschaft genau über die eigenen Produktionswege und Produktionsbedingungen Bescheid zu wissen. Auch wenn das in einer solch globalisierten Welt wie heute nicht ganz leicht ist, finde ich, dass es Zeit wird, diese Verantwortung zu übernehmen. Einige Initiativen gehen ja zum Glück schon in die richtige Richtung.“

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden. Er ist Teil der Interviewserie „Wie wir konsumieren“.

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