Mangelzeiten – Wolle und Kleidung in der Nachkriegszeit

Willi Kemper wurde 1944 in Bremen geboren und ist in Niederense an der Möhne aufgewachsen. Er studierte Malerei und Gestaltung an der Werkkunstschule in Dortmund und Malerei und Architektur an der Kunstakademie Karlsruhe sowie Kunstgeschichte und Publizistik an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 1974 ist er als selbstständiger Künstler tätig. Schon während des Studiums, eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs mit der Studentenbewegung der 68er Jahre, in der Kemper sich engagierte, bekamen politische Themen in seiner Kunst zunehmende Bedeutung. Neben Lehraufträgen an der FH Dortmund und vielen Projekten, die er geleitet hat, war er u.a. Stadtmaler in Frödenberg an der Ruhr und hat u.a. in Bielefeld, Dortmund und Berlin sowie im Ausland ausgestellt. Seit 2014 liegt sein Schwerpunkt auf der literarischen Arbeit, beginnend mit der Gründung des Verlags EDITION KREIDEGRUND im Jahr 2013.

In Kempers jüngstem Buch „Felix am Fluss. Eine Kindheit nach dem Krieg“ geht es um die Kindheit des jungen Felix, der im Krieg geboren wird und in der schwierigen Nachkriegszeit der 40er und 50er Jahre in Deutschland groß wird. In einer Zeit des Mangels muss auch bei der Kleidung improvisiert werden. Wie kommt man an Stoffe, wenn es ohnehin an allem fehlt? Als Kind erlebt Felix, wie die Frauen des Dorfes kreativ werden, um ihre Familien mit den nötigen Textilien zu versorgen.

Auszug aus: „Felix am Fluss, eine Kindheit nach dem Krieg“ von Willi Kemper

„Die Not zwang die Menschen zu ungewöhnlichen Schritten. Sie kämpften gegen Hunger und Kälte, gegen den Mangel an vielen Dingen. Sie besannen sich auf sich selbst, sie entwickelten in den Familien, in der Nachbarschaft und im lokalen Bereich fast autarke Produktionsweisen. Das Wissen über Strategien und Techniken der Selbstversorgung verbreitete sich in Windeseile. Nötig waren Geschick und Ausdauer. Natürlich bot der dörfliche Raum mit seinem weiten Umfeld, mit Wäldern, Feldern und Wiesen, einer funktionierenden Landwirtschaft und tüchtigen Handwerkern eine gute Voraussetzung für so ein Handeln. Fast alles ging über Tauschgeschäfte. Der Schmied bekam für dass Beschlagen der Pferde einen Sack Kartoffeln, der Schuhmacher für neue Schuhsohlen eine Mettwurst. Das Bargeld, die alte Reichsmark des Nazireichs, war im Grunde wertlos.

Meist war Felix dabei, half mit und lernte viel. Notwendig war der direkte Zugriff, die spontane Reaktion.

Vom Stacheldraht der Zäune sammelten die Frauen die hängengebliebene Wolle vorbeiziehender Schafherden. An guten Tagen war ein Sack schnell voll.

Das Spinnrad im Haus surrte, die Tanten beherrschten die Kunst des Spinnens. Sie färbten die Wolle, sie hatten ihre eigenen Rezepte und Verfahren. Und aus der gesponnenen und gefärbten Wolle entstanden Pullover und Socken, Schals und Mützen und viele andere Stricksachen. Alte Mäntel und Jacken, Röcke und Hosen trennten sie auseinander. Die Stoffstücke wurden freigelegt, gewaschen, gebügelt, oft auch gefärbt und mit viel Geschick zu neuer Kleidung verarbeitet. Auch alte Gardinen, Betttücher und Tischdecken wurden mögliches Material für neue Kleidung.

Mindestens einmal im Jahr kam eine Schneiderin ins Haus und nähte Kleider für die Frauen. Sie blieb mehrere Tage von morgens bis abends; sie saß auch am Mittagstisch und war ansonsten völlig eingespannt in ihre Arbeit. Wie eine Melodie klang das Surren der Nähmaschine durch die Räume. Felix sah mit Staunen, wie schön die Kleider wurden und wie sehr sich die Mutter freute.“

Lies jetzt einen weiteren Ausschnitt aus Willi Kempers Buch: „Der Wäschehändler„.

One Comment

Schreibe einen Kommentar