Stoff für das Recherche-Projekt STOFF

Im Rahmen einer Kooperation forscht das Theater Bielefeld mit recherchepool seit Beginn der Spielzeit 2016/17 interdisziplinär und international rund um das Thema „Stoff, Textilproduktion, Mode“. „recherchepool“ ist ein Netzwerk von TheatermacherInnen und KünstlerInnen, das von dem Regisseur und Autor Tobias Rausch initiiert wurde. Er hat in Bielefeld bereits die Projekte „Verschwörer. Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ und „Dunkle Materie. Ein Weltraumabenteuer über die Liebe“ realisiert. In der Spielzeit 2017/18 werden insgesamt drei Uraufführungen zum Thema Stoff auf den Bielefelder Bühnen zu erleben sein. Intendant Michael Heicks hat sich mit uns darüber unterhalten, warum das Thema, die besondere Herangehensweise und Produktionsform dieses Langzeitprojekts für das Theater Bielefeld interessant sind.

Auf der Suche nach Stoff

„Wir suchen natürlich immer nach bestimmten Stoffen, also Inhalten – in dem Fall passt das ja doppelt – mit denen wir uns intensiv beschäftigen können“, sagt Heicks. Diese Inhalte sind vielfältig und werden im Theater bereits auf unterschiedlichste Art und Weise umgesetzt. Zum Beispiel gibt es in diesem Jahr die sogenannte FORMATE-Reihe, in der mit verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Theater experimentiert wird. Das multimediale Projekt des Dokumentarfilmers Konrad Kästner „Der Auftrag„, und die Serie „Sissy Murnau“ gehören u. a. dazu.

Strukturelle und inhaltliche Veränderungen

Michael Heicks ist der Auffassung, dass sich das Stadttheater inhaltlich und strukturell in den nächsten Jahren sehr verändern wird. Das Bielefelder Theater legt viel Wert darauf, dass die Sparten Musiktheater, Schauspiel und Tanz nicht mehr nur parallel produzieren, sondern auch Raum für gemeinsame Projekte geschaffen wird. Ein Beispiel dafür ist die Produktion „Show!“, bei der das gesamte Tanzensemble, zahlreiche Schauspieler sowie vier Musiker unter der Leitung von Michael Heicks und Chefchoreograf Simone Sandroni ein spartenübergreifendes Stück auf die Stadttheaterbühne bringen.

„Aus dem Interesse heraus, sich immer wieder mit neuen inhaltlichen und anderen Formaten zu beschäftigen, entwickelte sich bei uns die Idee, das nächste Recherche-Projekt größer zu denken“, erinnert sich Michael Heicks. So schlossen sich das Theater und „recherchepool“ zusammen, stellten einen Antrag bei der Kulturstiftung des Bundes und erhielten im April 2016 die Zusage der Förderung im Fonds Doppelpass. Damit konnte die Realisierung des Projektvorhabens beginnen.

Längerfristige Auseinandersetzung mit Gesellschaft

Das Theater und alle Mitwirkenden des „STOFF“-Projekts setzen sich seitdem aus unterschiedlichsten Perspektiven mit dem Thema auseinander. Gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und ökologische Betrachtungsweisen sollen ausführlich Raum bekommen. Wie gehen wir mit der Kleidung um, die wir tragen? Wo wird sie hergestellt? Warum ist etwas „billig“? Was hat das für Konsequenzen? „Bielefeld ist für die Realisierung dieses Projekts ein passender Ort“, ist sich Michael Heicks sicher. „Die Stadt ist eng mit der Geschichte der Textil- und Bekleidungsindustrie verwoben.“

Kooperation birgt neue Möglichkeiten

Der Intendant freut sich auf die Zusammenarbeit mit der Fachhochschule für Gestaltung und der Universität Bielefeld, zwei Kooperationspartner des Projekts. Das Thema und das Produkt Stoff sind natürlich auch in der Kunst und in der Wissenschaft anzutreffen. Deshalb beschäftigen sich auch Studenten des Modedesigns, der Soziologie und der Medienwissenschaft damit. Es findet also eine andere Zusammenarbeit statt, durch die auch ganz andere Herangehensweisen an das Thema möglich werden. Durch die Vernetzung mit anderen Institutionen will Heicks noch mehr Nähe zwischen dem Theater und der Stadt schaffen: „Das Theater begreift sich als Teil der Stadt. Wir wollen grundsätzlich immer an die Menschen in unserer Stadt andocken.“

Für alle ein großer Mehraufwand

Anders als bei üblichen Inszenierungen sind bei diesem Recherche-Projekt viel mehr Mitarbeiter beteiligt. Diesen Mehraufwand sieht Michael Heicks positiv: „Ich glaube, dass dieses Mehr uns dazu zwingt, anders miteinander zu arbeiten, anders zu kommunizieren und uns immer wieder selbst zu hinterfragen“, betont er.

Auch privat setzt sich der Intendant des Bielefelder Theaters mit den Themen Mode und Textilproduktion auseinander. „Es ist tatsächlich wahnsinnig schwer herauszubekommen, wo die Kleidung genau herkommt und wie sie hergestellt wurde“, bemängelt er. Daher ist auch Transparenz ein wichtiges Thema für ihn, das im „STOFF“-Projekt seinen Platz finden wird. Er freut sich sehr auf die Ergebnisse der Recherchen: „Recherche heißt ja auch immer ein Stück weit ‚Ich lasse mich überraschen‘. Es ist ein ergebnisoffener Arbeitsprozess und dafür steht Theater ja auch.“

Foto: Philipp Ottendörfer

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden.

 

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