„Moralisch einwandfrei ist utopisch“ – Interviewserie „Wie wir konsumieren“

Gunnar Noll

Student Gunnar (34) erzählt von seinem Modekonsum und der Schwierigkeit, moralisch einwandfrei einzukaufen.

Gunnars Kleiderschrank ist übersichtlich. Jeder sollte seiner Meinung nach ein Paar Boots, mehrere Jeans, T-Shirts, Rollkragenpullis und eine Jacke besitzen. Ein Anzug darf zwar auch nicht fehlen, aber einen Schlips trägt der Medienwissenschafler selten.

Gunnar konsumiert nicht viel und investiert auch nicht viel Zeit in Mode. Er gönnt sich höchstens alle drei Monate ein neues Outfit. Dabei gibt er das meiste Geld für Jeans, Schuhe und Jacken aus. Zuletzt hat er wegen des Saisonwechsels ein paar Unterhemden gekauft. Wenn er neue Kleidung kauft, dann nur, weil etwas kaputt gegangen ist. Von seinen uralten ausgelatschten Camel-Boots konnte er sich aber trotzdem nicht trennen. Auch wenn er sie dann nur noch im Garten trug. „Ich hatte sie echt lieb gewonnen und war sehr traurig als meine Mutter die Schuhe dann einfach entsorgte.“ Gerade einmal sechs Paar Schuhe stehen in Gunnars Schrank. Teurere Exemplare, die beispielsweise eine Holzsohle haben, lässt er beim Schuster reparieren. Günstige Treter für 40€ sind ihm dieser Aufwand selten wert.

Beim Kleiderkauf achtet der Student vor allem auf Qualität und Langlebigkeit. „Die Klamotten sollen möglichst lange halten, damit ich nicht noch einmal einkaufen gehen muss.“ Beim Shopping fasst er die Textilien daher an und prüft die Nähte. Außerdem soll der Schnitt gut sitzen und der Stoff schön fallen. Aus welchem Material die Kleidungsstücke bestehen schaut Gunnar nur nach, wenn er von einem Teil sehr überzeugt ist.

Ein No-Go in der Fashion-Industrie ist für den 34-jährigen Kinderarbeit und „minderwertig produzierte Waren für einen Massenmarkt, der diese Ware eigentlich gar nicht braucht“. Sein eigenes Konsumverhalten sieht er genauso kritisch. „Man schafft es ja nicht immer so zu konsumieren wie man von der Moral her konsumieren sollte“, gibt der Medienwissenschaftler zu. „Man braucht eben sehr viel Zeit dazu und genug Moral, sich diese Zeit auch zu nehmen. Aber das ist utopisch.“ Gunnar glaubt, dass die meisten Menschen ohne vorherige Recherche einkaufen gehen. Es sei ohnehin schwer etwas über die Produktionsbedingungen herauszufinden, bemängelt er, „weil die großen Unternehmen sich ja auch nicht in die Karten gucken lassen wollen“. Selbst „Fair Trade“-Siegel bewertet Gunnar lediglich als ein weiteres Verkaufsargument und sieht darin kein ehrliches Interesse der Unternehmen. Letztendlich gehe es darum, Gewinne zu erzielen.

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden. Er ist Teil der Interviewserie „Wie wir konsumieren“.

Schreibe einen Kommentar