Soziologie: Identität und Mode

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Image, Wunsch, Identität. Kleider machen Leute.

Ort: Forschungsseminar. Hier untersuchen Studierende der Universität Bielefeld in Kooperation mit dem Projekt „STOFF“ soziologische Aspekte in der Mode. Wir sprachen mit den Teilnehmern und Prof. Rainer Schützeichel.

Jeder Mensch muss sich täglich mit Mode und Textilien befassen. Wir alle überlegen uns jeden Morgen aufs Neue, was wir anziehen und begegnen im Laufe des Tages unterschiedlichen Stoffen. Da liegt es nahe, sich mit Mode und Textilien auch aus gesellschaftswissenschaftlicher Perspektive zu beschäftigen.

Studierende der Universität Bielefeld führen 2016/ 2017 in Kooperation mit dem Projekt STOFF eigene Forschungsprojekte durch. 20 Studierende werden regelmäßig ihre Montagnachmittage damit verbringen und sich Fragen widmen wie „Wer zieht was warum an?“, „Welche Emotionen lösen bestimmte Stoffe aus?“ oder „Wie prägt Bielefelds Geschichte als Modestadt das heutige Stadtleben?“

Rainer Schützeichel, Professor für Soziologische Theorien an der Universität Bielefeld, nennt das Seminar „Sozialität und Materialität: Die symbolische Wirklichkeit von Stoffen“.

Die Kooperation mit dem Theater Bielefeld kam durch Zufall zustande, berichtet Rainer Schützeichel. „Ein Kollege hatte in einem Workshop Tobias Rausch kennengelernt, der auf der Suche nach jemandem war, der im Bereich Mode oder Stoffe soziologisch arbeitet. Mein Kollege hat ihn dann auf mich verwiesen, da ich schon länger in diesem Bereich forsche.“ Ein erstes Treffen fand im August 2016 in Bielefeld statt. Nach und nach wurde dann genauer festgelegt, wie die Kooperation aussehen soll. „Ich war von Anfang an von der Idee des Projekts begeistert“, erzählt Rainer Schützeichel. „Für das klassische Theater interessiere ich mich persönlich eher weniger. Aber die Idee, einem Theaterprojekt eine umfangreiche Recherche und wissenschaftliche Forschung voranzustellen, finde ich grandios“.

Gemeinsam sind sie das Thema zunächst theoretisch angegangen. Sie haben klassische Texte zu Materialität, Identität und Mode gelesen und diskutiert. Der Bereich der Modesoziologie ist zwar ein kleinerer innerhalb der Soziologie. Dennoch wurden bereits reichhaltige Forschungsergebnisse hervorgebracht.

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Statement oder Trendopfer?

„Seit dem Beginn der Soziologie im 19. Jahrhundert wurde sich immer auch mit Mode und Kleidung beschäftigt. Schon die ganz frühen und klassischen Theoretiker wie Georg Simmel und Pierre Bourdieu haben hierzu Beobachtungen angestellt“, weiß Rainer Schützeichel. „Oft sind einschlägige Forschungen aber in den Bereich der Kulturwissenschaft ausgewandert“.

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Zum Thema Stoffe gäbe es hingegen bisher keine bekannte soziologische Forschung. Er selbst interessiert sich seit langem für den Bereich der Modesoziologie. Mode versteht er hierbei jedoch nicht bloß im Sinne von Kleidung, sondern vor allem auch im Sinne von allgemeinen Trends. Ihn interessiert vor allem der Prozess, indem etwas zu Mode wird, welche sozialen Konstellationen dazu führen, dass etwas zum Trend wird.

Im nächsten Schritt wollen die Studierenden sich eigenen Forschungsprojekten widmen, in denen sie diejenigen Aspekte untersuchen, die sie besonders interessieren. Gemeinsam mit Rainer Schützeichel haben sie dazu Themenfelder ausgearbeitet, in deren Umfeld sich ihre eigenen Studien bewegen sollen: Kollektives Gedächtnis (Orte der Modeproduktion, wichtige Straßen oder Personen), der Zusammenhang zwischen Mode und Identität, Emotionalität in Bezug auf Textilien und Mode, sowie der Aspekt des Fetischs in Bezug auf Textilien. Alleine oder in kleinen Gruppen werden die Studierenden im Laufe des Semesters eigenen Forschungsfragen nachgehen. Themen sind, welche Emotionen bestimmte Stoffe auslösen können, wie Gruppen sich durch die Wahl ihrer Kleidung abgrenzen oder was eine Verkleidung mit Menschen macht.

Ivan (24) möchte sich anschauen, wie sich Kleidung auf Paar- oder Freundschaftsbeziehungen auswirkt. In Interviews möchte er herausfinden, welche latenten Regeln es bei der Kleiderwahl in Liebesbeziehungen gibt, oder wie es die Freundschaftsbeziehung beeinflussen kann, wenn zwei Freunde einen sehr ähnlichen Kleidungsstil haben.

Katha (23) hat noch keine feste Forschungsfrage. Sie möchte sich aber mit Kleidung in Bezug auf das Geschlecht beschäftigen. damit wie sich Gender, Lifestyle und Identität durch die Kleiderwahl ausdrücken können. Das möchte sie gerne beispielhaft an einzelnen Personen dokumentieren. Die Studentin hat das Seminar gewählt, da es ihrer Meinung nach das spannendste Forschungsseminar ist, das seit drei Semestern im Fach Soziologie angeboten wird. „Das Thema Kleidung ist sehr alltagsnah und betrifft jeden. Jeder steht morgens auf und überlegt sich, was er anziehen möchte.“

Henning (27) interessiert sich vor allem für die Sozialpsychologischen Aspekte des Themas. Er möchte in einem Experiment herausfinden, ob die Fremd- und Eigenwahrnehmung eines Outfit übereinstimmt. Also ob ein Outfit bei anderen so ankommt, wie der Träger es sich vorstellt. Ihn interessiert, welche Faktoren erfüllt sein müssen, damit ein Outfit eine bestimmte Wirkung erzielt und worauf eine große Diskrepanz hinweisen könnte.

Die Zusammenarbeit mit dem Stadttheater ist für die Studierenden und Rainer Schützeichel etwas ganz Neues, dem er offen gegenübersteht. „Noch wissen wir ja gar nicht, was am Ende daraus entsteht. Ich bin sehr gespannt, wie unsere Ergebnisse später in den Theaterkontext übersetzt werden“.

Fotos: Susanne Beckmann

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden.

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