STOFF Design Experiment

STOFF-Experimente am Fachbereich für Gestaltung

Im Zusammenhang mit dem Rechercheprojekt STOFF setzen sich Studierende der Fachhochschule für Gestaltung in Bielefeld interdisziplinär mit dem Thema Stoff auseinander. Wir begleiteten das Seminar und sprachen mit Willemina Hoenderken, Leiterin des Lehrstuhls für Gestaltung. Sie erzählt von ihrer Haltung zu Mode, Konsum und Fast Fashion und erklärt wie sich das interdisziplinäre Arbeiten auf die Beiträge der Studierenden auswirkt.

Die Professorin für Modedesign an der FH Bielefeld leitet das Stoff-Seminar, das in Kooperation mit dem Rechercheprojekt STOFF am Theater Bielefeld stattfindet. Seit beinahe 30 Jahren lehrt die gebürtige Niederländerin am Fachbereich für Gestaltung. Als Tobias Rausch, der Initiator des Theaterprojekts STOFF, sie zur Kooperation einlud, war sie besonders von der Offenheit des Gesamtprojekts angetan. „Mir hat gut gefallen, dass Tobias absolut nicht sagen konnte, wo es hin geht. Das Ziel muss man erarbeiten und im Prozess sehen, was denn da eigentlich entsteht.“ Außerdem gefällt ihr, dass sowohl Gestalter als auch Theoretiker zusammen daran arbeiten.

2016-Willemina-Hoenderken-STOFF-Foto-Lianna-Hecht
Willemina Hoenderken

Zunehmende Wertlosigkeit von Kleidung

Durch die intensive berufliche Auseinandersetzung hat das Thema Mode einen besonders hohen Stellenwert für Willemina Hoenderken. Sie weiß, mit wieviel Arbeitseinsatz Kleidung entsteht. „Was mich natürlich zunehmend verärgert, ist diese ganze Nivellierung von Kleidung und die Wertlosigkeit. Es ist ein Produkt, das man heute für ein paar Euro kauft und morgen wegschmeißt. Das gab es früher nicht. Und es stimmt mich traurig“, kritisiert sie. „Das einzig Positive ist, dass wir uns gerade in einer gesellschaftlichen Umwälzung befinden.“ Der Kurs an der Fachhochschule thematisiert auch diese kritischen Aspekte.

Bereichernde Diskussionen durch interdisziplinären Austausch

2016-STOFFSEMINAR-Willemina-Hoenderken-Foto-Ina-Hoefermann-0002
Hanna Funke diskutiert ihre Ideen

W. Hoenderken hat ihr Stoff-Seminar so angelegt, dass es sich über vier Semester erstreckt. Studierende können immer wieder neu einsteigen und selbst entscheiden, wie viele Semester sie dabei bleiben wollen. Modedesigner, Grafiker und Fotografen, Bachelor- sowie Master-Studierende beschäftigen sich hier gleichermaßen mit Stofflichkeit. Der Modedesign-Student Bünyamin Kasikol stellt fest, dass diese Interdisziplinarität wöchentlich zu bereichernden Diskussionen im Kurs führt.

Die Ergebnisse der anderen könne man gut für die eigene Arbeit verwenden. So überlegen die Studierenden beispielsweise gemeinsam, wie Nachhaltigkeit im Mainstream ankommen kann.

Kritische Aspekte der Modeindustrie in künstlerische Arbeiten umwandeln

STOFF Design Experiment
Stoffexperimente mit Pilz- und Pflanzenphasern

Von ganz unterschiedlichen Blickwinkeln aus können sich die Studierenden in diesem Experimentierfeld dem Thema Stoff nähern. Ausgangspunkt dabei ist im aktuellen STOFF-Semester eine theoretische Auseinandersetzung mit Themen wie Strukturwandel, Billigproduktion, Nachhaltigkeit, Stoffkunde, Sinnlichkeit und Haptik, aber auch Trendforschung oder spezielle Formen des Theaters.
Aus den Rechercheergebnissen schreiben die Studierenden einen Text. Teil dessen ist die Suche nach modernen Künstlern aus der Zeit ab 1945, die das gewählte Thema in ihren Werken verarbeitet haben. Die Methoden der Künstler sollen auf die eigene Arbeit übertragen werden ohne sie zu imitieren.
STOFF Design Experiment
Willemina Hoenderken berichtet von einer Studentin, die sich mit dem Thema Strukturwandel befasst. Ausgehend von der Entwicklung des ersten Spinnrads bis hin zu Massenproduktion, beginnt die Teilnehmerin nun, dieStruktur von Stoffen zu verändern. „Wandel sieht man nun am Material. Das ist sozusagen der Link von der Theorie zur Praxis, der ständig gelegt werden muss“, erklärt die Dozentin. „Von der Theorie auf etwas Gestalterisches zu kommen ist für die meisten Studierende ein ganz neuer Ansatz.“
2016-experiment-fh-stoffseminar-wilemina-hoenderken-Foto-Ina-hoefermann-0005
Am Ende des ersten Semesters stehen dann neben Illustrationen vor allem Prototypen von textilen Flächen. Diese können im zweiten Semester zu Kleidung, Objekten, Projektionen und Performances weiterverarbeitet werden. Nach vier Semestern können viele kleine oder auch raumfüllende Objekte entstanden sein. Möglich ist, „dass wir im Stande sind eine kleine Ausstellung oder eine Modenschau zu realisieren. Es wird ganz vielfältig werden“, freut sich Frau Hoenderken.

Das Theater als Ausgangspunkt

2016-designs-stoffexperiment-fh-stoffseminar-willemina-hoenderken-0007-ina-hoefermann

2016-designs-stoffexperiment-fh-stoffseminar-willemina-hoenderken-0006
Inspiration durch Künstler nach 1945 von Bünyamin Kasikol

Yulia Lebedeva und Bünyamin Kasikol beziehen ihre Arbeiten auf das Theater selbst. Dabei können sie auf die vielseitige Erfahrung ihrer Dozentin zurück greifen, die vor ihrer Lehrtätigkeit in Bielefeld u.a. für ein Theater in Amsterdam gearbeitet hat. Yulia untersucht vor allem die Beweglichkeit und Steifheit von Textilien und überträgt ihre Ergebnisse später in einen Kollektionsentwurf für Theaterkostüme.
Bünyamin hingegen konzentriert sich auf Intermedialität im Theater und möchte einen Bühnenraum konzipieren.

Da das Seminar prozesshaften Charakter besitzt, können die Anfangsideen im weiteren Verlauf andere Richtungen einschlagen. Ein paar Wochen später ist Bünymin damit beschäftigt Stoffbahnen mit Siebdruck und Acrylfarbe zu bearbeiten. Es finden sich comicartige Bewegungsabläufe und kleine Geschichten auf ihnen wieder. „Die Idee des absurden Theaters habe ich nicht verworfen, aber es gliedert sich nun immer mehr in etwas performatives, das weniger mit dem absurden Theater zu tun hat als damit, Schnipsel zusammenzutragen“, erklärt er.

Aus Kassenzetteln werden konsumkritische Muster

Muster Marc Schuster
Entwurf des Grafikstudenten Marc Schuster aus Kassenbons

Sehr weit fortgeschritten ist bereits die Arbeit von Grafikdesignstudent Marc Schuster. Er setzt sich mit Billigproduktion auseinander und experimentiert mit Kassenzetteln, die aus Thermopapier bestehen. Dieses verfärbt sich, wenn Marc beispielsweise heiße Münzen drauf legt oder es mit dem Bügeleisen bearbeitet. „Eigentlich sind die Kassenbons total giftig. Wenn man damit arbeitet, muss man sich Handschuhe anziehen“, erklärt er. Aus den entstanden kleinen Bildwelten isoliert der Student einzelne Muster am PC und spiegelt sie mittels eines Kaleidoskops. „Die Kassenbons sind das Ergebnis einer Konsumierung, aber wenn man sich jetzt die Ergebnisse anschaut, ist das für den Betrachter nicht mehr ersichtlich“, merkt er an. Dennoch entstehen so Entwürfe für Stoffe, die eine kritische Botschaft enthalten, indem sie durch ihre Entstehung einen direkten Bezug zum Modekonsum herstellen. Willemina Hoenderken ist begeistert, „dass Marc die Muster einfach mal so am PC simuliert hat, denn das machen die Modedesigner sonst nie. Er ist ja Grafiker“. Marcs Projekt ist damit ein gelungenes Beispiel für den fruchtbaren Austausch zwischen Modedesign, Fotografie und Grafik, den das STOFF-Seminar an der FH ermöglicht.

Großes Interesse der Studierenden

Allgemein stößt das Projekt auf großes Interesse bei den Studierenden des Fachbereichs für Gestaltung. Die Meisten sind von der Kooperation mit dem Stadttheater Bielefeld und dem interdisziplinären Austausch fasziniert. Modedesign-Studentin Hanna Funke freut sich schon auf die Ergebnisse der Soziologen und Medienwissenschaftler. „Ich bin sehr gespannt auf die verschiedenen Blickwinkel. Denn natürlich beschäftigen wir uns schon durch unser Studium viel mit Mode und Stoff und auch mit den negativen Aspekten wie der Schnelllebigkeit von Mode. Aber das alles bald auch aus einem ganz anderen, vielleicht freieren oder anders kritischen Blickwinkel zu sehen, da bin ich sehr gespannt drauf.“

Fotos: Ina Hoefermann, Lianna Hecht, Marc Schuster

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden.

Schreibe einen Kommentar