Studierende: Stil und Modekonsum

Studentenwohnheime sind Mikrokosmen, wo Studierende ihre Universitätszeit völlig ausleben können. Die Kleiderwahl ist ein großer Teil dieses Erlebnisses. Sie ermöglicht ihnen, ihre Identität zu bilden und zu vertreten. Sechs Studierende erzählen uns, wie sie konsumieren.

Ein Teil des Gebäudes ist nicht mehr glänzend weiß, der andere orange und grau. Das Studentenwohnheim in der Universitätsstraße in Bielefeld sieht kompakt und anonym aus. Seine Bewohner bieten in ihren diversen Erscheinungen ein buntes Bild. Hier werden nicht nur Partys unter der Woche gefeiert und Möbel von der Dachterrasse geworfen. Verschiedene Nationalitäten und Persönlichkeiten führen zu einem explosionsartigen visuellen Erlebnis, das sich durch den Modegeschmack und -konsum der Bewohner des Studentenheimes ausdrückt.

Impuls, Freiheit und Stil

Das Adjektiv locker kommt oft vor, wenn die Studierenden ihren alltäglichen Stil beschreiben. Die meisten Studenten mögen es, sich natürlich zu fühlen. Damit leben sie ihre Identität. Einige versuchen ihren Stil durch Kleidung zu unterstreichen, andere weniger. Aber immer ist Kleidung Identität und nicht egal. Wohl fühlen sie sich die meisten Studierenden mit lässigen Jeans und lockeren Pullis.

Die jungen Studierenden fordern ihre Freiheit und halten die Meinung anderer nicht für relevant. Sie stehen der Kleiderwahl anderer Menschen hingegen offen gegenüber: „Ich denke, dass jeder seine eigene Schiene fahren sollte“, sagt Magnus, der sich wohl in seiner Haut fühlt und denkt, dass jeder sich frei fühlen sollte. Der Modedesign Student aus Kolumbien José (25) beobachtet die Kleiderwahl anderer Menschen aus Leidenschaft aber er trennt immer das Outfit von der Person: „Es interessiert mich nicht, was für einen Stil meine Freunde haben“.

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José (25), der Modedesignstudent

Der Sport- und Germanistikstudent Leon (25) trägt hauptsächlich Sportkleidung. Dies ist auf sein Studium zurückzuführen. Er hat die Sportlichkeit zu seinem Stil erkoren.

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Leon ist sportlich

Der französischen Geschichts- und Politikwissenschaftenstudentin Marina (18) ist es wichtig „nicht zu normal auszusehen“. Sie leiht sich Stücke von ihrer Mutter und kauft in Secondhandläden ein.

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Marina möchte nicht zu normal aussehen

Inspirationsquellen zum Modegeschmack

Wo finden Studenten ihre Inspiration für ihre Kleiderwahl bzw. Identitätsbildung? Die Mehrheit liest keine Modezeitschriften oder Blogs. Trotzdem gehen Trends nicht an ihnen vorbei. Ob auf der Straße oder online, auf sozialen Medien wie Facebook und Instagram: Modische Tendenzen und spezielle Outfits fallen auf und werden wahrgenommen. Jedoch werden diese Impulse eher unbewusst aufgenommen und spiegeln sich ebenso unbewusst in dem äußeren Bild der Studierenden wieder.

Das Studium prägt den Kleiderstil. In vielen Studiengängen gibt es Stereotype, was Stil und Kleiderwahl angeht. Der Studentin Leona (23) studiert Sozialwissenschaften. Sie beobachtet, dass viele Mädels in ihrem Studiengang und generell in der Universität schicke Outfits tragen. Die werden untermalt mit Perlenohrringen und Pferdeschwanz.

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Leona ist sportlich

Ein berufsbezogenes Verhalten sehen auch die Studentin für Biologie und Pädagogik auf Lehramt, Lana (26) und Magnus (28), der Wirtschaftspsychologie studiert. Beide empfinden einen unausgesprochenen Druck, sich jetzt schon ihrem späteren Arbeitsfeld anzupassen, da Arbeitnehmer viel Wert auf das äußere Erscheinungsbild legen. Sie versuchen sich jedoch für die Dauer des Studiums noch nicht zu sehr davon beeinflussen zu lassen.

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Magnus lässt sich noch nicht vom Kleidercode der Arbeitgeber beeinflussen
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Lana möchte ihren studentischen Stil noch etwas genießen

Vom Ideal zur Realität

Die eigene Vision der Mode kann je nach Budget schwer zu verwirklichen sein. Der Modekonsum ist von dem Budget und von der Auswahl in der Stadt geprägt. Fast jeder Studierende hat ein Budget, das von dem eigenen Einkommen oder von der Unterstützung der Eltern abhängt. Daher variiert es von 60 Euro bis 200 Euro, was für Kleidung ausgegeben werden kann. Die Häufigkeit des Shoppings ist ebenfalls sehr unterschiedlich und spannt sich von einem Zwei-Wochen-Rhythmus bis zu einer Spanne von 3 Monaten. Wofür geben letztendlich Studierende ihr Geld aus und was ist ihnen bei dem Kaufen wichtig?

Jeder Befragte versucht auf die Qualität der Kleidung zu achten. Stoffe, Färbung, Schnitt und Nachhaltigkeit der Produkte scheinen für jeden wichtig zu sein. Da aber darauf zu achten manchmal teurer sein kann, bevorzugt die Mehrheit günstige Läden. Zara und H&M besiedeln viele Kleiderschränke, aber online Läden wie Asos werden auch beliebter. Wie sie ihrem Modekonsum gegenüberstehen, ist manchen Studenten nicht so bewusst. Einige denken, dass sie vielleicht weniger kaufen sollten, wie José und Leona, die alle zwei Wochen ihre Schränke bereichern. Sie können sich dagegen nicht wehren, denn Mode ist für sie eine Leidenschaft und eine Vergnügung.

Andere sind kritischer: sie möchten nicht zu viel kaufen und bevorzugen faire Produkte. Leon ist bewusster geworden und versucht nachhaltiger zu konsumieren, was wegen seines Budgets nicht immer möglich ist. Gute Stoffe und nachhaltige Produktion sind nicht für jeden Geldbeutel geeignet. Lana sieht es ähnlich. Sie würde gerne neben dem Wunsch nach Individualität mehr Wert auf Qualität und Nachhaltigkeit legen. Dank ihrer russischen Wurzeln und Erziehung hat sie gelernt Kleidung mehr zu schätzen als andere. Sie wirft keine guten Teile weg, sondern schenkt sie Kinderheimen und Frauenhäusern. Einiges schickt sie zurück nach Russland, für die Menschen die nicht so viel zur Verfügung haben, so wie sie es selbst schon erlebt hat.

Ein Einheitsstil?

Ein einheitliches Bild geben Studenten mit Sneakers, lockeren Pullis und schwarzen Hosen ab. Dies sind aber nicht nur Kleidungsstücke. Es steckt viel mehr dahinter. Diese harmlosen Kleidungsstücke öffnen ein Fenster, zeigen Lebensweisen auf und spiegeln das Wohlbefinden der Studierenden in ihrer Kleidung. Durch ihre Kleiderwahl beziehen sie Stellung zu ihrer Identität und zu ihrer Position in der Gesellschaft.

Fotos: Davide Talarico

Dieser Artikel ist im Rahmen des Seminars „Magazin: Stoff, Mode und Konsum – ein kritischer Diskurs“ an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Susanne Beckmann entstanden.

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