Vom Recherchieren zum Stoff – Teil 4: Nicht im Trockner trocknen

Jeder kennt die kleinen Symbole auf den Schildchen im T-Shirt oder Hemd. Aber was bedeuten sie eigentlich genau? Was erzählen sie über den Stoff? Und was hat das alles mit unserem Projekt zu tun?

4. Nicht im Trockner trocknen.

Zum Schluss werfen wir alles in die Trommel. Tür vom Wäschetrockner auf, Wäsche rein, Temperatur einstellen, und los geht’s. Wir schauen durch die Scheibe und sehen die bunte Spiralgalaxie aus Wäschestücken, die in gemächlichem Tempo um ein unsichtbares Gravitationszentrum rotiert. Es fliegen Waschlappen, Pullover und Slips durcheinander. Wenn wir die Tür öffnen, ist manchmal eine Socke verschwunden. Oder eine Hose eingelaufen. Ein T-Shirt ausgeleiert. Passiert.

Seit September 2016 recherchieren für das Projekt STOFF Künstler_innen, Journalist_innen und Wissenschaftler_innen zu den Themen Textilproduktion und Mode. Es entstehen Fotos, Interviews, Materialexperimente, statistische Erhebungen, Dokumentarfilme, journalistische und literarische Texte. Im normalen Wissenschafts- und Kunstbetrieb sind diese Methoden und Ansätze weit voneinander entfernte Galaxien. Das Besondere an STOFF ist es, dass alle recherchierten Materialien in eine gemeinsame Online-Datenbank gespeist werden. Wie im Wäschetrockner trifft dort alles aufeinander. Kurioses und Seriöses, Lustiges und Tragisches, Privates und Politisches. Diese Datenbank ist kollektiv und offen (zumindest für die Projektbeteiligten). Sie ermöglicht, dass Querverbindungen entstehen oder Kontraste. Sie soll Arbeitspartnerschaften stiften und den Austausch von Material. Dieser große STOFF-Fundus ist die Ausgangsbasis für alle künstlerischen Projekte, die in der Saison 2017/18 verwirklicht werden.

Nicht alles, was wir in diesen Fundus reinstecken, taucht (wie die verschwundenen Socken) am Ende wieder auf. Manches, was während der Recherchen groß und wichtig erschien, läuft während der künstlerischen Arbeit auf unerklärliche Weise ein. Dafür dehnt sich manches, was zunächst nebensächlich wirkte, immer mehr aus und entfaltet sich zu ungeahnter Größe.

Oft sind es die Details in einer Erzählung, ein Nebensatz in einem Interview, ein zufällig gemachter Schnappschuss, in denen das Wesentliche sichtbar wird. Das kann die Erinnerung an den Geruch nach frischer Wäsche und an die beschlagene Schaufensterscheibe in einem Heißmangel-Geschäft sein. Oder das Foto von einer Hand mit himbeerfarbenen Baumwollsamen. Oder ein historisches Dokument über die Verseuchung des Johannisbachs. Diese Details werden oft zum Kristallisationspunkt, zum unsichtbaren Gravitationszentrum für die weitere künstlerische Arbeit. Um sie herum beginnt sich das andere Material zu gruppieren und zu rotieren.

Ein Quadrat, ein Kreis und ein Kreuz – so genial einfach ist das Symbol für den Hinweis, nicht im Wäschetrockner zu trocknen. Den Hinweis sollte man ernst nehmen: bei bedruckten Shirts kann der Kunststoff-Aufdruck schmelzen; und BHs mit Schaumstoffeinlage oder Hemden mit Schulterpolster können im Wäschetrockner in Brand geraten. Es sind also nicht nur die verschwindenden Socken, die gefährdet sind.

Ein Quadrat, ein Kreis und ein Kreuz. Was könnten sie noch bedeuten? Das Quadrat gibt uns vor, in welchem Rahmen wir recherchieren. Er umreißt die Grenzen des Themas: Geschichte und Gegenwart der Textil- und Bekleidungsproduktion. Der Kreis definiert, wer alles an diesem Projekt beteiligt ist: das Künstlerkollektiv recherchepool, das Theater Bielefeld und seine Kooperationspartner. Aber auch alle Bürgerinnen und Bürger aus Bielefeld und Umgebung, die uns mit ihren Geschichten, Ideen und Materialien unterstützen. Dieses Projekt hat viele Autor_innen. Und schließlich – das Kreuz schafft die Verbindungen und Kreuzungspunkten zwischen ihnen. In Form von künstlerischen, journalistischen und wissenschaftlichen Arbeiten – auf der Bühne, in Ausstellungen oder Artikeln, hier, auf diesem Blog.

Und so erzählen die Symbole in unserem Logo nicht nur etwas über die Kleidungsstücke, deren Waschanweisung sie sind, sondern auch über unser Projekt: Es forscht eigenhändig, sensibel für empfindliche Stoffe, aber zupackend, wenn es ans Auswringen geht. Es sucht nach den Nuancen und den individuellen Besonderheiten in den Stoffen und Geschichten, ohne die Farbunterschiede auszubleichen. Es bringt die Flexibilität eines freien Künstlerkollektivs wie recherchepool mit der Kraft und Qualität einer großen Institution wie dem Theater Bielefeld zusammen, so dass jeder Stoff die Pflege erhält, die er benötigt, um anschließend frisch, glänzend und wie neu zu strahlen. Es sammelt schließlich die unterschiedlichsten Ergebnisse der Recherche in einem gemeinsamen Pool und versetzt sie in Bewegung.


Einfach mal die Perspektive wechseln – Blick aus dem Wäschetrockner

Hier geht’s zu den anderen Teilen der Serie „Vom Recherchieren zum STOFF“:
Teil 1: Handwäsche
Teil 2: Bleichen nicht erlaubt
Teil 3: Mittlere Bügeltemperatur

Foto: Kathrin Ahäuser

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