Vietnam-Stories – Teil 1: Der verschwundene Koffer

„Das ist doch kein Problem, oder?“ Ich sitze in Berlin vor meinem Computer. Im Skype-Fenster ist das Gesicht von Bian zu sehen. In einer Woche wird sie mich am Flughafen in Hanoi abholen, um dann mit mir durch Vietnam zu reisen: Nähfabriken besichtigen, Experten treffen, ein Seidendorf und Stoffmärkte besuchen. Yes! Endlich soll die Recherche für „STOFF“ beginnen! Ich bin aufgeregt, freue mich auf das Land, auf die Begegnungen.

Vietnam ist der viertgrößte Produzent von Bekleidung weltweit. Zum Beispiel Jack Wolfskin lässt dort seine Outdoor-Kleidung nähen. Auch der Bielefelder Hemden-Spezialist „Seidensticker“ hat eine Produktionsstätte in der Nähe von Hanoi. Aber inzwischen sind die Zeiten der Billigproduktion vorbei. Die Löhne steigen und viele Hersteller wandern weiter – nach Bangladesh, Pakistan oder nach Afrika. Grund genug für uns, dort zu recherchieren. Welche Auswirkung haben Globalisierung und Strukturwandel auf die Menschen dort?

Bian ist schon in Vietnam. Ihre Eltern stammen von dort, als Arbeitsmigranten sind sie Ende der 80er-Jahre in die DDR gekommen und nach der Wiedervereinigung in Deutschland geblieben . Und deswegen nutzt Bian die Gelegenheit, vorher ein paar Verwandtenbesuche zu machen. Bei ihrer Abreise hat sie einen großen, schweren Koffer in Berlin gelassen. Weil ich selbst nur einen kleinen Koffer mitnehmen will, der ins Handgepäck passt, fragt sie mich, ob ich ihn auf meinen Namen aufgeben kann. „Das ist doch kein Problem, oder?“ bittet mich Bian und lächelt. – Äh, nein, das ist kein Problem. Aber wie kommt der Koffer zum Flughafen?

Der Koffer. Er ist groß, schwarz, aus Nylon – und hat keine Rollen. Inzwischen kennt meine gesamte Nachbarschaft diesen Koffer. Ein Foto von ihm hing an jeder zweiten Straßenlaterne zwischen unserem Wohnhaus und dem S-Bahnhof. Die Handwerker, die das Treppenhaus renovieren, kennen seine Geschichte. Und im Comicladen gegenüber werde ich noch heute regelmäßig auf ihn angesprochen.

„Da sind nur ein paar Mitbringsel für meine Familie drin,“ erklärt mir Bian über Skype. Ok, ich habe schon mitbekommen, dass Bians Familie sehr groß ist. Also, logisch, muss der Koffer auch groß und schwer sein. Wir vereinbaren, dass ihn eine Freundin von Bian zum Flughafen bringt und ich ihn dann beim Einchecken aufgebe. Am Morgen vor meiner Abreise ruft mich besagte Freundin an. Sie hat keine Zeit, zum Flughafen zu kommen. Deswegen bringt sie mir den Koffer nach Hause, so dass ich ihn selbst mit zum Flughafen mitnehmen kann. Öhm, naja, so war das eigentlich nicht abgesprochen. Bian schreibt mir eine Whatsapp-Nachricht, dass ich mir ein Taxi bestellen soll, weil der Koffer so schwer ist.

Hmm, ein Taxi von mir bis zum Flughafen Tegel? Das kostet mindestens 60 Euro! Und das alles nur für ein paar Mitbringsel??? Ich staune. Ihre Familie scheint Bian wirklich wichtig zu sein. „Naja,“ meint sie später, als wir uns in Hanoi treffen. „Familie ist in Vietnam das Wichtigste überhaupt. Das ist nicht so wie in Deutschland, wo deine Freunde wichtig sind oder deine Kollegen. Wenn du Geld brauchst, wenn du ein Problem hast, wenn du jemanden um etwas bittest – das machst du alles nur in der Familie.“ Und die Familie erwartet Mitbringsel?!? Ja, offenbar.

Langsam werde ich ungeduldig. Eine halbe Stunde, bevor ich los muss, klingelt endlich Bians Freundin. Der Koffer ist wirklich groß. Sehr groß. Und sauschwer! Was sind da für Mitbringsel drin!?! Die Reste der Berliner Mauer, oder was? Ich wohne im 4. Stock, ohne Aufzug – wie sollen wir das hoch schleppen? „Ach Quatsch,“ sagt die Freundin, „den stellen wir einfach hier unten ins Treppenhaus.“ Und, zack, ist sie wieder weg. Soll ich den wirklich hier unten stehen lassen, zwischen Farbeimern und Bauschutt? Ich zerre und schleppe den Koffer nach hinten, in den Hinterhof, stelle ihn hinter die Mülltonnen. So, uff!

Beim Einchecken bekommt man immer diese Fragen gestellt: Haben Sie Ihr Gepäck selbst gepackt? Hat Sie jemand gebeten, etwas für Sie mitzunehmen? Plötzlich fällt mir auf, dass ich über Bian und ihre Familie recht wenig weiß. Habe ich nie nachgefragt? Oder hat sie einfach immer vermieden zu antworten? Wenn ich zur S-Bahn gehe, laufe ich immer an den vietnamesischen Zigarettenschmugglern vorbei, die sich auffällig-unauffällig an der Treppe herumdrücken. Vor einigen Jahren ist einer von ihnen erschossen worden – angeblich Streit zwischen rivalisierenden Mafia-Clans. Oje, was hat das mit Bian und ihre Familie zu tun? Nichts!!! Ich schäme mich ein bisschen und überlege, was ich am Flughafen antworte. Oder soll ich vorher doch einmal in den Koffer reinschauen …? Ach nee, da war ja ein Schloss dran. Vielleicht ist es aber nicht abgeschlossen … Hmm! Oh, da ist schon das Taxi! Ich verabschiede mich von meiner Freundin, bringe Rucksack und meinen kleinen Koffer runter. „Moment,“ sage ich dem Taxifahrer, „ich muss schnell noch etwas holen.“ Ich gehe zurück ins Haus, durch den Hausflur, in den Hinterhof. Ich schaue hinter die Mülltonnen.

DER. KOFFER. IST. WEG.

Scheisse, wo ist der? Ich suche den Hinterhof ab. Ich renne ins Treppenhaus. Ich frage die Handwerker, ob sie ihn gesehen haben. Ich klingle bei den Nachbarn. Ich laufe auf die Straße raus, ein paar Meter rechts runter, links runter. In den Comicladen rein. Der Koffer ist weg. Das kann doch nicht sein! Der Maler erklärt mir, dass hier „die Zigeuner“ unterwegs seien und packt seine rassistischen Sprüche aus. Ich überlege, ob die Müllabfuhr den Koffer vielleicht irrtümlich mitgenommen hat. Aber mittwochs kommt keine Müllabfuhr. Der Taxifahrer hupt. Ich muss los. Ich schreibe Bian eine Message, steige ins Taxi und fahre für 60 Euro zum Flughafen – ohne Koffer.

Zwanzig Stunden später lande ich in Hanoi. Beim Aussteigen ist es feucht und heiß. Das Flugzeugessen war eklig, mir ist übel. – Hätte ich doch nur den Koffer mit in die Wohnung genommen! Bian und ihre Mutter erwarten mich in der Empfangshalle. Ich sehe in ihren Gesichtern, dass sie sich gestritten haben. „Ja, Scheisse,“ sagt Bian auf der Autofahrt vom Flughafen in die Stadt. „Im Koffer waren Sachen von Rossmann, deutsches Shampoo und so, das kriegst du hier nicht.“ – Shampoo als Mitbringsel? „Ja, hier gibt’s überall nur gefälschte Markenprodukte.“ Bian stehen Tränen in den Augen, und Bians Mutter schaut böse aus dem Fenster, während unser Fahrer eine CD mit deutscher Schlagermusik einlegt. Ich habe ein schlechtes Gewissen und nehme mir vor, sobald ich in Deutschland bin, ein großes Paket mit Shampoo und Hautcremes nach Vietnam zu schicken. Nachts höre ich, wie Bian im Nebenzimmer mit ihrer Freundin in Deutschland skypt. Sie streiten sich. Das Gespräch dauert lange. Ich versuche zu schlafen.

Ein paar Tage später schickt mir meine Freundin ein Foto aus Berlin. Darauf ist die Straßenlaterne vor unserer Haustür zu sehen. Und daran geklebt ein fotokopierter Zettel mit einem Foto des Koffers: 100 EURO FINDERLOHN! BITTE MELDEN! Wow, hundert Euro! Im Text steht, dass wichtige Medikamente in dem Koffer sind. „Ja,“ erklärt mir Bian, „für meinen Großvater.“ Ach so? Bekommt man bei Rossmann auch Medikamente? Egal. Wir fahren durch das Land, treffen Fabrikdirektoren, sehen Stickmaschinen dabei zu, wie sie Socken stricken, besuchen ein Sozialprojekt mit körperlich behinderten Näherinnen. Fast überall treffen wir Verwandte von Bian. Ihre Familie ist wirklich groß. Aber wir haben keine Mitbringsel dabei. Irgendetwas fehlt…

Bei Recherchen geht es mir oft so, dass ich am Anfang nicht genau weiß, wonach ich suche. Ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, was mich interessiert. Durch Begegnungen und Gespräche wird mir erst im Lauf der Zeit klar, wo der wirklich spannende Stoff verborgen liegt.
Aber irgendwie ist es diesmal so, als ob uns mit dem Koffer auch das Ziel der Reise verloren gegangen wäre. Ich sitze im Büro eines Fabrikdirektors und höre dabei zu, wie Bian mit dem Direktor spricht – der übrigens ein Onkel von ihr ist. Ich stehe in einem dunklen Betonschuppen, und vor mir arbeitet mit ohrenbetäubendem Lärm ein mechanischer Webstuhl – der übrigens einem Cousin von ihr gehört. Ich lasse mir zeigen, wie eine Frau aus mit heißem Wasser abgekochten Seidenpuppen Seide spinnt – die übrigens eine gute Freundin ihrer Mutter ist. Ah ja, sehr interessant! Wir reisen von Ort zu Ort. Aber es ist wie im Roman von Bruce Chatwin, der nach Feuerland reist und sich schließlich, am Ende des Kontinents angekommen, auf das Meer blickend fragt: What am I doing here?

Einmal kommt aus Deutschland die Nachricht, es hätte sich jemand auf die Suchanzeige gemeldet. Bian ist aufgeregt und schreibt den ganzen Tag Whatsapp-Nachrichten. Aber Fehlalarm – es war ein anderer Koffer, mit alten Klamotten darin …

Wir machen viele Fotos in Vietnam. Wir nehmen Gespräche auf. Wir notieren jeden Abend unsere Beobachtungen. Der Material-Ordner ist reich gefüllt. Zwischenzeitlich gibt das ein beruhigendes Gefühl, bevor wieder der Zweifel hochkommt: Was wollen wir eigentlich damit?

Bian und ihre Mutter bringen mich zum Flughafen. Wir verabschieden uns. Es war toll! Vielen, vielen Dank für alles! Und doch, fast bin ich erleichtert, als ich endlich das Flugzeug betrete, sich die Türen schließen und ich dieses drückende Klima hinter mir lasse. Als ich nach Berlin zurückkomme, hängen noch ein paar zerrupfte, aufgeweichte Zettel an den Straßenlaternen. Ich schaue mir einen an: Das Foto vom Koffer. Eine Telefonnummer. Und 100 Euro Finderlohn. Bitte melden!

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