Vietnam-Stories – Teil 2: Die Sockenfabrik und ein Anruf vom Geheimdienst

Zwei Wochen lang fahre ich mit einer Dolmetscherin und einem Fahrer durch Vietnam. Wir besuchen Nähfabriken und Webereien. Wir sehen in einem Seidendorf bei Hanoi, wie aus der Puppe die Seide gewonnen und dann gesponnen wird. Und wir fahren ins Gebirge zu einem Sozialprojekt, das uns vom Goethe-Institut Hanoi empfohlen wurde. Ich fotografiere und mache mir Notizen dazu. Hier sind sie:

Dieses Schild wirbt vor einer Nähfabrik um Arbeitskräfte. Es sind alle Vergünstigungen aufgezählt: Gehaltszulagen, kostenloses Mittagessen, zusätzliche Urlaubstage. Die Vietnamesen arbeiten lieber in der Elektronikindustrie. Samsung ist der größte Arbeitgeber. Deswegen müssen die Nähfabriken mit Vergünstigungen buhlen.

Vietnam ist nicht Bangladesh. Der Mindestlohn liegt deutlich höher. Wer die Fabriken besucht, sieht helle, aufgeräumte Hallen mit modernen Maschinen. Angestellte, die während der Pause auf ihrem Smartphone rumwischen.

Aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Die Probleme sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen: Die Gewerkschaften sind staatlich. Streiks sind verboten, also gibt es nur spontane, unorganisierte Streiks, die kaum Wirkung haben. Der Betriebsratsvorsitzende ist meistens auch der Personalchef. Im Zweifelsfall wird er gegenüber seinem Chef loyal sein. Gesetze existieren auf dem Papier. Aber welcher Arbeiter wagt es schon, gegen seine Firma zu klagen, wenn Überstunden nicht bezahlt werden? Wenn ältere Arbeitnehmer gekündigt werden, weil sie zu langsam sind? Wenn nach einem Arbeitsunfall die Rente verweigert wird? Aber wenn er tatsächlich klagen will: Bestechung gegenüber Behörden und Justiz ist keine Seltenheit. Wer kann da mehr auf den Tisch legen, der Unternehmer oder der Arbeitnehmer?

Als ich mich mit einem Anwalt treffe, der sich für Arbeitnehmerrechte einsetzt, klingelt in seinem Büro plötzlich das Telefon. Fluchtartig müssen wir das Büro verlassen. Der Übersetzer murmelt etwas von Geheimpolizei. Weitere Nachfragen unerwünscht.


Eigentlich sollten hier aus Recycling-Papier Brandsohlen für Schuhe hergestellt werden. Aber seit drei Jahren stehen die Maschinen jetzt still. Heinrich Ludwig Schenk ist Direktor der Firma PPI Joint Stock Company. Er führt mich durch die riesige, leere Halle und dann in sein Büro (Foto). Im Nachbarraum sitzen eine Buchhalterin und sein Assistent. Außerdem gibt es noch den Pförtner. Und die Security-Mitarbeiter. Ansonsten ist das Gelände leer. Von seinen vietnamesischen Geschäftspartnern ist er reingelegt worden. (Die ausführliche Schilderung seiner Geschichte liefere ich bald nach – sie klingt wie ein Mafia-Thriller.) Es gab Gerichtsprozesse, Urteile und Versuche der Geschäftspartner, die Firma mit Gewalt zu übernehmen. Produzieren darf er nicht, weil er aus dem Handelsregister gelöscht wurde. Illegal, wie vom obersten Gericht nach jahrelangen Verfahren festgestellt wurde. Trotzdem korrigiert dies die Behörde nicht – offenbar, weil sie durch seine Geschäftspartner bestochen wurde. Nach Deutschland kann er nicht zurück, denn dann wäre das ganze Investment verloren. Drei Millionen Euro. Also harrt er aus, seit drei Jahren, anderhalb Autostunden vor Hanoi, und bewacht seine Firma.

Das Gebäude verfällt langsam. Der Boden sinkt ab. Schlechter Untergrund, ehemaliges Reisfeld. Wenn er durch die Fabrik geht, um die in der Ecke stehenden Maschinen zu zeigen, hallt jeder seiner Schritte sekundenlang nach.

Es gibt eine Katze, die unter seinem persönlichen Schutz steht. Manchmal schreibt er Briefe an die Deutsche Botschaft oder an den vietnamesischen Ministerpräsidenten. Doch nichts geschieht. Manchmal spielt er mit seinem Assistenten in der Fabrikhalle Speedminton. So geht die Zeit vorbei.


Dies ist ein Stoffmarkt in der Nähe von Hanoi. Besser gesagt: das ganze Dorf ist ein einziger Stoffmarkt. Wer durch die schmalen Gassen und Gänge zwischen den Häusern schlendert, wird ein Stoffgeschäft neben dem anderen finden.

Wer in Deutschland ein Geschäft eröffnet, überlegt sich vielleicht: An welchem Standort gibt es nicht zu viele Konkurrenten? Womit kann ich mich abheben von den anderen? Was macht mein Geschäft einzigartig?

In Vietnam ist das eine völlig unverständliche Logik. Eröffnet jemand einen Laden mit, sagen wir, Goofy-T-Shirts (Hallo Silke!), dann sagt sich der Nachbar: „Offenbar sind hier Goofy-T-Shirts eine gute Idee. Also mache ich direkt nebenan auch ein Geschäft mit Goofy-T-Shirts auf!“

Deswegen findet man selten ein einzelnes Leuchtreklamen-Geschäft, einen einzelnen Smoothie-Shop im Bauhaus-Design oder einen einzelnen Stoff-Laden. Wo einer ist, da sind immer auch ganz viele.
Wer ein Hotel buchen will, wird feststellen, dass viele Hotels denselben Namen haben. Denn wenn ein Hotel mit dem Namen „Lan Lan“ mit drei Sternen bewertet wurde, dann gibt es mindestens zwei andere Hoteliers, die in der Nähe ein „Hotel Lan Lan“ eröffnen werden. Die Europäer würden vielleicht sagen: Ideenklau! Die Vietnamesen würden vielleicht antworten: Einzigartigkeit wird überschätzt!

 

Cúc hat Tourismus-Management studiert. Während ihres Studiums hat sie Touristengruppen als Guide durch Vietnam begleitet. Auf diese Weise kam sie nach Mai Chau, ein kleines Dorf im Gebirge. Berühmt ist die Gegenden für die Stickarbeiten der Schwarzen Thai und der Muong-Bergvölker. Die Menschen wohnen in Holzhäusern auf Stelzen. Das Leben ist gemächlich. Investoren sind unerwünscht. Im Dorf gibt es ein Sozialprojekt für Mädchen mit Behinderungen, in dem ihnen Weben beigebracht wird. Cúc hat sich in die Landschaft, in ihre Bewohner und das Sozialprojekt verliebt. „Hier habe ich mein Glück gefunden,“ sagt sie. Ein paar Jahre arbeitete sie beim Projekt mit. Jetzt hat sie ein kleines Modelabel in Hanoi. Die Stoffe lässt sie durch die Weberinnen in Mai Chau produzieren. Nachhaltig und fair. Verkauft wird in alle Welt.

 


In dieser Sockenfabrik in Hanoi werden Strümpfe für das vietnamesische Militär hergestellt. Socken werden heute komplett durch Strickautomaten produziert. In der Fabrik kann man gut beobachten, was die Automatisierung in der Textil- und Bekleidungsbranche bedeutet. Einerseits sind damit die Zeiten von Rana Plaza vorbei: Hier sitzen keine tausend Arbeiterinnen in maroden Fabrikhallen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Hallen sind hochmodern, klimatisiert und so clean wie ein Operationssaal. Andererseits sind die Menschen nur noch zum Befüllen der Automaten zuständig. Besondere Qualifikationen benötigen sie keine. Während die Maschinen immer schlauer werden, werden ihre Bediener immer dümmer. Die Arbeitnehmerwerden zum Anhängsel der Maschine.

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