Vietnam-Stories – Teil 3: Mr. Bean und die Schmetterlingsfische

Nicht mein Vermieter, aber fast! Karikaturenzeichner in Hanoi.

„Just call me Mr. Bean.“ Seit einer Stunde befindet sich der Vermieter in meinem Badezimmer und macht merkwürdige Geräusche. Ich wohne in einem Apartment mitten in Hanoi. Von der Straße aus muss man sich durch einen schmalen Gang zwischen zwei Häusern quetschen, an einer alten Frau vorbei, die auf einem niedrigen Plastikstühlchen hockt und Hühnerfleisch in einer großen Eisenschale röstet. Dann muss man mit einer elektrischen Fernbedienung ein Metalltor in Bewegung setzen, das sich langsam zur Seite schiebt und den Weg in das Treppenhaus freigibt.

Die Fernbedienung besteht aus zwei Knöpfen. „Wenn du auf den rechten Knopf drückst, öffnet sich das Tor. Wenn du nochmal auf den rechten Knopf drückst, bleibt das Tor stehen. Und wenn du ein drittes Mal auf den Knopf drückst, schließt sich das Tor wieder,“ erklärt mir Mr. Bean die Funktionsweise der Fernbedienung. Alles klar? „Und was passiert, wenn ich den linken Knopf drücke?“ frage ich. Mr. Beans Gesicht läuft rot an. Oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. „Never press the left bottom!“ stößt er hervor und lacht. Aber das Lachen kommt mir unecht vor. NEVER PRESS THE LEFT BOTTOM!!!

Laut Buchungsbestätigung heißt der Vermieter Bien Thi Viet. Ok, das kriegen die Ausländer sowieso nicht hin. Also sagt er bei der Begrüßung: „Just call me Mr. Bean.“ Hmm, tatsächlich hat er ein wenig von einem britschen Komiker. Er ist um die 50, ziemlich klein, hat plattgedrücktes schwarzes Haar und überreicht Fernbedienung und Zimmerschlüssel mit einer merkwürdig gezierten Handbewegung, als ob es sich um eine kostbare, sehr zerbrechliche Porzellanschale handeln würde.

Am ersten Tag funktioniert die Spülung der Toilette nicht. Mit einem Teeglas und Wasser aus dem Waschbecken versuche ich, mein Geschäft herunterzuspülen. Aber es funktioniert nicht. Ich schreibe Mr. Bean eine Viber-Nachricht, und keine Minute später steht er mit Werkzeugkasten und einer langen Metallspirale vor meiner Tür.

Ich setze mich an den Schreibtisch und versuche, eine Mail zu schreiben. Aber aus dem Badezimmer kommen merkwürdige Geräusche. Es schmatzt und gluckert, es röchelt und röhrt, es zischt und fiept. Ich schaue auf die Uhr. Über eine Stunde ist Mr. Bean schon am Werkeln. Auf einmal höre ich einen lauten Schlag, als ob die Toilettenschüssel explodiert wäre. Mr. Bean stöhnt leicht. Dann wird es still. Totenstill.

Ich klopfe vorsichtig. „Hello? Mr. Bean?!? Everything ok???“ Mr. Bean öffnet die Tür. Er ist von oben bis unten durchnässt und hält triumphierend seine Metallspirale in der Hand, als wäre es eine erlegte Würgeschlange.
Die Toilette funktioniert tiptop. Ich bedanke mich herzlich. Beim Hinausgehen fällt Mr. Beans Blick auf die Fernbedienung vom Eingangstor. „Never press the left bottom!“ sagt er. „NEVER EVER!“ Und verlässt grinsend das Apartment.

Glänzende Aussichten. Fenster in Hanoi.

Fenster sind in Vietnam so ein Thema. Mein Apartment in Hanoi hat ganz besondere Fenster, denn Mr. Bean betont mehrmals, dass es sich um deutsche Fenster handelt. Die Aussicht ist allerdings bescheiden. Fünfzig Zentimeter vor der Scheibe befindet sich eine schimmelige Häuserwand. Ok, ich bin ja nicht wegen der Aussicht nach Hanoi gekommen.

In Saigon wohne ich in einem hochmodernen Hotelzimmer. Klimaanlage, tolles Badezimmer, Minibar. Aber es gibt kein Fenster, also gar keins. Nicht im Bad, nicht im Schlafzimmer. Nirgendwo. Der Dolmetscher erklärt mir, dass es in Vietnam sehr oft fensterlose Hotelzimmer gebe und dass man bei der Buchung darauf achten müsse, ob das Fenster extra erwähnt werde. „Aber nachts hat man seine Augen ja sowieso zu,“ stellt er fest. Hmm, ja stimmt. Wieder was gelernt.

In Mai Chau wohne ich in einem Zimmer mit Fenster. Wenn man rausschaut, hat man einen wundervollen Blick über die Reisfelder im Tal. Zwischen den Reisfeldern laufen kleine Bewässerungskanäle, die in einem Teich münden. Es surrt und brummt vor meinem Fenster, jede Menge Insekten schwirren durch die Luft. Schwupps, schon habe ich drei Stiche. Als ich das Fenster schließen will, stelle ich fest, dass es keine Scheibe hat. Es gibt nur zwei Holzläden, die man als Sonnenschutz zuklappen kann. Oh! Und jetzt? Der Dolmetscher weiß auch diesmal Rat. Um die Stechmücken draußen zu halten, muss man die Klimaanlage möglichst kühl stellen. Das mögen die Insekten nicht, sie suchen immer die Wärme. Aha! Ich stelle die Klimaanlage auf Dunkelblau. Eisige Luft bläst von der Decke. Was für eine Stromverschwendung, denke ich. Aber es funktioniert, die Insekten bleiben draußen! Nachts liege ich bibbernd im Bett und freue mich diebisch, dass ich nicht gestochen werde.

Viele Reisfelder = viel Wasser = viele Insekten.

Ich habe Hunger und frage Mr. Bean, wo ich etwas essen kann. „Do you eat dog?“ fragt mich Mr. Bean. Ich denke, er meint Hot Dogs. „No, no – not Hot Dog! I mean dog! Deutscher Schäferhund and so on. It’s tasty.“ Er gluckst vor Lachen über mein pikiertes Gesicht. Ach so, das war ein Witz!

Mr. Bean schickt mich zu einem Schnellrestaurant, in dem es panierte Schnitzel gibt. Auf dem Weg laufe ich an einem Straßenstand mit Schmetterlingsfischen vorbei, die in Einmachgläsern schwimmen. Rechts herum, links herum.

Kein Bildschirmschoner vom iPhone, sondern echte Schmetterlingsfische.
Für manches Schicksal braucht mein einen dicken Panzer.

Ich überquere die Kreuzung und biege in die Tuê Tinh Straße. Vor einem Geschäft steht eine Metallschüssel mit Gitter, unter dem lebende Schildkröten mit ihren Füßen rudern und darauf warten, in die Suppe geschnippelt zu werden.

Auf der Straße fährt ein Moped an mir vorbei. Auf den Gepäckträger ist ein sechs-stöckiger Käfig montiert. Darin tänzeln Dutzende Küken panisch herum. Eine Delikatesse!

Kükenexpress unterwegs.

An der nächsten Ecke stehen Styroporkisten. Darauf hocken vier Krabben. Ihre Scheren sind mit einer Schnur festgebunden. Aus ihren kleinen schwarzen Augen blinzeln sie mich an. Adieu, meine schönen Krabben!

Ich biege ab Richtung Altstadt. Auf dem Gehweg staken zwei Hähne umher. Einer von ihnen ist an einem Baum festgebunden. Der graue Hahn greift den weißen Hahn an. Sie kämpfen. Das sieht echt übel aus. Der Friseur, der vor seinem Laden steht, schaut interessiert zu.

Im Restaurant bestelle ich ein Schnitzel. Als ich den Teller bekomme, schaue ich etwas verschämt unter der Panade nach. Das sieht nach Schweinefleisch aus, oder? Inzwischen bin ich nicht mehr sicher, ob Mr. Bean wirklich einen Witz gemacht hat.