Vietnam Stories Teil 4: Die Mongolen und die Golfbälle

Ok, Vietnam ist also dieses Land aus Bildern im Kopf: Die Flucht der Amerikaner vom Dach der Botschaft in Saigon mit einem Hubschrauber. Das nackte Mädchen auf der Straße, im Hintergrund die Rauchwolken vom Luftangriff. Die Erschießung eines Vietcong auf offener Straße durch den Polizeichef von Saigon. Als Europäer ist es mir fast nicht möglich, an „Vietnam“ zu denken, ohne im Kopf den „Krieg“ zu ergänzen.

Natürlich gehe ich ins Historische und ins Kriegsmuseum, als wir in Hanoi sind. Aber ich bin verwirrt. Denn in der Ausstellung treffe ich zunächst nicht auf den Vietnam-Krieg, den ich im Kopf hatte. Sondern auf den Krieg gegen die Chinesen (938), die Mongolen (1257), gegen die Besetzung der Japaner (1945), gegen die französischen Kolonialherren (1946–55), gegen Kambodscha (1979) und gegen China (auch 1979).

Unser Fahrer, Herr Nguyen, sagt: Klar war ich im Krieg. Aber viel schlimmer war die Hungersnot in den 80ern. Das war wirklich schrecklich.

Die Übersetzerin, Frau Huan, sagt: Wir hätten die Franzosen nicht vertreiben sollen. Wir hätten es wie Hongkong machen sollen. Verträge abschließen, Handel, Kooperation. Dann würde es uns heute so gut gehen wie den Hongkong-Chinesen.

Die Wirtschaftsstudentin Thuong, die ich in Saigon kennenlerne, sagt: Ich habe Verwandte in Kambodscha. Alles, was ich im Schulunterricht über den Krieg gelernt habe, ist falsch. Wir haben so schlimme Dinge getan im Krieg.

Der junge Modedesigner aus Hanoi, Lanh, sagt: Der Krieg ist ein riesen Marketing-Ding. Oder warum denkst du, dass so viele Touristen hierher kommen? Die wollen „Apocalypse Now“ sehen. Dabei ist der Film in Wirklichkeit auf den Philippinen gedreht worden.

Ly, Account Managerin eines Hotels in Saigon sagt: Über den Krieg redet niemand hier. Wirklich niemand. Das ist Vergangenheit. Was zählt, ist die Zukunft. Nur die Ausländer wollen immer über den Krieg reden.

Auf meiner restlichen Reise spreche ich niemanden mehr auf den Krieg an.

Billiglohnland. Für die Modeindustrie ist Vietnam vor allem dies. Der Monatslohn in vielen Fabriken liegt bei ca. 200 Dollar. Viel ist das nicht. Aber es geht noch schlimmer.

Die Gegend, durch die wir fahren, ist wirklich arm. An den Berghang geklammert hocken niedrige Hütten aus Holz und Plastikplane, in dessen einzigem Raum acht oder neun Menschen leben, kein fließend Wasser, kein Strom; davor picken ein paar Hühner im Staub. Zur Distriktstraße hin haben manche Körbe aufgebaut und verkaufen ein paar Stück Obst oder drei, vier Brocken Fleisch an die vorbeifahrenden LKW-Fahrer. Irgendwann passieren wir einen Stand mit Eiern. Mit sehr, sehr vielen Eiern. Und die Eier sehen auch irgendwie nicht aus wie Eier, sondern wie … ähm, Golfbälle?!? Wir halten an, steigen aus und besichtigen diese seltsame Installation mitten im vietnamesischen Bergland. Tatsächlich Golfbälle.

Wir fahren weiter. Rechts von der Straße verläuft eine endlose Mauer. Sie trennt ein komplettes Tal vom Rest der Landschaft ab. Hmm, was ist das hier? Ein riesiges Militärgelände? Hinter einer Kurve taucht eine prachtvolle Einfahrt zum Gelände auf: „Phoenix Golf Resort“ prangt in goldenen Lettern über dem Torbogen. Aha, ein Luxus-Golf-Paradies – in einem streng kommunistischen Staat? Wo es nicht einmal möglich ist, eigenes Land zu kaufen? Wo überall Bilder von Ho Chi Minh hängen? Irgendwie ist dieses Land komplizierter, als es im Vorbeifahren erscheint.

LEPIS statt LEGO – Spielzeug in Hanoi

„Dieses Land ist so dreckig!“ Meine Dolmetscherin schimpft wie ein Rohrspatz. Ich bin auf dem Rücksitz des Autos kurz eingeschlafen und wache davon auf, dass wir durch ein Schlagloch holpern. Ich schaue mich um. Wir fahren durch ein Industriegebiet. Rechts ein Grundstück mit Baumaschinen, links offene Werkhallen, in denen man sieht, wie geschweißt wird. Der Straßenrand ist übersät mit Bauschutt, Plastikresten, Rohren.

„Es ist einfach nur schmutzig, unfassbar! Ja klar, außen haben die Häuser eine tolle Fassade, aber dahinter sieht’s aus!“ Vorne redet die Dolmetscherin auf den Fahrer ein. Hmm, denke ich, schöner sieht’s in einem deutschen Industriegebiet auch nicht aus. Aber die Dolmetscherin ist richtig in Fahrt gekommen: „Und dann die ganze Organisation, einfach nur chaotisch. Die Leute sind sooo unzuverlässig. “ Der Fahrer verzieht keine Miene. Bisher ist doch alles ganz gut gelaufen, denke ich. Ich hatte mir Vietnam chaotischer vorgestellt. „Zum Beispiel das Hotel! Total hellhörig. Mitten in der Nacht haben irgendwelche Leute im Hausflur rumgeschrien. Man konnte kein Auge zu machen. Ich dachte, die streiten sich. Aber die haben sich einfach nur so laut unterhalten. Die Leute sind einfach alle so ungehobelt, so grob!“ Wir biegen auf eine Landstraße ab. „Im Restaurant wirst du sowieso nur abgezockt. Sobald die merken, dass du Tourist bist, musst du doppelt so viel zahlen. Ich finde das unverschämt! Am Strand wirst du von den ganzen Händlern belagert, die dir irgendwelche gefälschen Markenprodukte aufschwatzen wollen. Man gar nicht entspannen!“ Die Dolmetscherin merkt, dass ich wach bin. Sie entschuldigt sich und fragt, ob sie zu laut war. „Nein, alles in Ordnung,“ antworte ich. „Ich erzähle nur gerade von meinem letzten Spanien-Urlaub,“ sagt sie. „Das war einfach nur schrecklich …“

Ach so!