Vom Stoff zu Stoff

Stoff ist vielfältig. Gewebt, gestrickt, gesteppt, gehäkelt oder geknotet.  Es gibt allein in der Industrie etliche Webarten, mit denen unterschiedliche Oberflächen und Festigkeiten produziert werden können. Die bekanntesten sind die Leinwand -, Köper- und Atlasbindungen. Brokat und Jaquard gehören zu den edlen Varianten. Vielen Designern reicht ein Stück Stoff vom Ballen nicht. Für ein eigenes Stoffdesign nehmen sie konventionell hergestellte Stoffe auseinander, um die Vision vom Kleid bis ins Detail beeinflussen zu können.

Wir sprachen mit zwei Modedesignerinnen, die aus sehr unterschiedlichen Motiven aus Stoff, Stoff gestalten. Andrea Schelling und Karen Jessen, Gründerin des Labels BENU BERLIN, arbeiten mit ihren eigenen Stoffen. Mit viel Handarbeit wird jeder so gefertigte Stoff zum Unikat. Das daraus gefertigte Kleid ist ein Meisterwerk der Handarbeit. 

Andrea Schelling im Labor für unikate Stoffe

Andrea Schelling arbeitet seit 1995 in Berlin Charlottenburg an ihren außergewöhnlichen Kleidern. Gerissen, gewebt, gestrickt, gesteppt, gestickt und geknotet. In ihrem Sortiment von Couturekleidern und -mänteln finden sich alle Techniken, die man mit Stoff nur herstellen kann. Andrea Schelling fertigt aus hunderten feinen, gerissenen Seidenchiffonstreifen Ballkleider in zart verlaufenden Farbnuancen. Bei Wollstoffe aus verschiedenen Materialstreifen gewebt, kombiniert sie die Oberflächen mit Federn, Steinen, Pailletten, Pelz, Taft und Tüll. Sie ist eine Virtuosin der Schneiderkunst aller modischen Epochen, eine passionierte Handwerkerin und eine begnadete Farbgestalterin ihrer stofflichen Kreationen.

Betritt man den Showroom von Andrea Schelling, blendet das Licht der riesigen Altbaufensterfront den klaren Blick auf das Innere des Raumes. Zunächst nimmt man nur bewegte, wallende Stoffvolumen in verschwommenen Farben wahr, bis man sich an die Helligkeit gewöhnt hat. Eine Figurine steht genau im Gegenlicht und offenbart eine transparente Silhouette. Schnell ist klar: Hier hat man es mit Stoff zu tun.  Denn an den Wänden reihen sich Kleider um Kleider in den verschiedensten Stoffformationen. Mal streben sie voluminös der Mitte des Raumes entgegen, mal machen sie einen schmalen Streifen der Aquarellbild anmutenden Rauminstallation aus.

Atelier Andrea Schelling

Man ist versucht, mit der Hand über die Stoffe zu streichen, ein Gefühl für die Fasern zu bekommen und die Schwere oder Leichtigkeit der Kleider zu ergründen. Viele Stunden stecken in so einem Ballkleid aus 30 Metern von Seidenchiffonstreifen. Jeder Streifen ist auf einem Unterstoff aufgenäht und am Ende sieht es so aus, als ob sich ein Regenbogen aus Rottönen um den Körper windet.

Andrea Schelling erklärt den Aufbau eines Kleides aus gerissenen Seidenchiffonstreifen.

Ohne Naht, zu einem Rock gewebt

Andrea Schelling webt die Stoffe per Hand auf ihrem Arbeitstisch oder auch direkt an der Schneiderpuppe, um möglichst ohne Nähte auszukommen. Dabei entwirft sie den Schnitt vor dem Stoff und arbeitet sich so langsam ihrem Ziel entgegen. Stoffe bestehen hier auch nicht unbedingt aus einem Material. Seidenbänder, Spitzenbordüren, Wollfäden und diverse Stoffstreifen kommen in dem Atelier zum Einsatz. 

An der Puppe gestrickt

Gestricktes Kleid aus Angelschnur und Wolle von Andrea Schelling


Andrea Schelling schreckt nicht vor ungewöhnlichen Materialien zurück. Angelschnur und Papier kommen auch schon mal zum Einsatz. Ein Kleid aus Angelschnur und Wollfaden strickte sie vor ein paar Jahren an der Puppe. Es mutet wie Tüll an und verdichtet sich vom Hals abwärts in unterschiedlich dicken Wollfäden. Dabei lässt sie die Endfäden als dekoratives Element – unvernäht – herunterhängen.

Das Atelier der Modedesignerin ist wie ein Stofflabor. Permanent probiert und experimentiert Andrea Schelling mit Materialien, die sie zu einem Stück Stoff verarbeiten kann.

Als ich sie frage, ob sie heute noch Modedesignerin oder lieber Stoffdesignerin geworden wäre, antwortet sie, dass sie das nicht weiß. Am Ende macht sie ja beides, aber eben nicht für die Masse. Wenn sie mit den selbstgefertigten Stoffen arbeitet, sind dies eben Unikate. Da kann man keine Serien produzieren und die Frage ist ja auch, ob man Teil von diesem Fast Fashion Markt sein möchte.

Spitzenbordüren, Federn, Seidenbänder und Wolle werden zu einem Stoff

Andrea Schelling fertigt neben ihrer Couture für Film- und Theaterinszenierungen außergewöhnlichen Kostüme. Ihre Modelle sieht man immer wieder auf den interationalen Roten Teppichen der Film- und Musikszene.

Fotos: Susanne Beckmann

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