Von einem ganz besonderen Goofy-Shirt, Rana Plaza und generationenübergreifenden Strampelhosen

Silke schreibt auf ihrem Blog HEY! BLAUE ZITRONE über Reisen, Lifestyle, Slow Fashion, DIY, Fair Trade und Poesie. Mit uns teilt sie ihre Kleidergeschichten und ihre Ansichten zum Thema Mode.

Wenn du ein Stoff wärst, welcher wärst du dann?
Silke: Wenn ich selbst ein Stoff wäre, dann wäre das abhängig von der Umgebung, der Stimmung, der ganzen Situation. Wenn ich mich abenteuerlustig fühle, möchte ich gerne Segeltuch sein und eine ganze Segelboot Besatzung durch den stürmischen indischen Ozean bis nach Australien bringen. Dort an Land könnte man mich, das Segeltuch, dann als Schutz vor der Sonne über den Köpfen der Matrosen aufspannen. Während der Wind an meinen festen Fäden rüttelt und die Sonne meine kräftigen bunten Farben ausbleicht, höre ich mir das Seemannsgarn der Matrosen an, die unter mir ihre Freiheit feiern und sich gegenseitig mit ihren Geschichten übertrumpfen.

Genauso gut könnte ich mir vorstellen ein warmes Wollplaid im hohen Norden zu sein, aus grob verwobener Wolle, ganz weich und wohlig warm. Aber trotzdem robust und jedem Wetter trotzend. In mir kann man sich dann einhüllen, wenn man im Polar Winter draußen in der Natur auf einem Fell am Lagerfeuer sitzt und die bunten, flimmernden Polarlichter am Himmel beobachtet.

Auf jeden Fall wäre ich ein „Outdoor“-Stoff, weil ich so gerne draußen in der Natur bin. Nur dort kann ich echte Abenteuer erleben und mit mir selbst in Berührung kommen.

Welches ist dein liebstes Kleidungsstück und warum?
Silke: Heute habe ich kein „liebstes“ Kleidungsstück mehr. Aber tatsächlich gab es einmal eins. Ein graues T-Shirt von Fiorucci mit dem farbigen Aufdruck eines Goofy, der seine Arme weit nach vorne ausstreckte, als ob er etwas auffangen wollte, das gleich vom Himmel fällt. Das Shirt hatte ich mal bei einem Einkaufsbummel in Stuttgart entdeckt und mich buchstäblich darin verliebt. Ich musste sehr viel Überzeugungsarbeit leisten um meiner Mutter das Geld dafür zu entlocken. Wir waren zwar zum Shoppen in der Stadt, aber sie sah mich wohl eher mit etwas „Anständigem“ in der Tasche von dieser Tour zurückkommen. Und das Shirt kostete für damalige Verhältnisse (1981) eine kleines Vermögen von 45 DM. Ich konnte sie glücklicherweise überzeugen, verbunden mit einigen Schwüren, die ich zusätzlich dafür leisten musste und durfte es dann auf dem Rückweg stolz mein eigen nennen.

Davor und danach gab und gibt es kein Kleidungsstück, das ich so oft und lange getragen habe und das mir so viel bedeutet hätte. Mindestens 15 Jahre lang war es in meinem Besitz, zum Schluss ziemlich ausgeleiert, ausgewaschen und abgetragen. Irgendwann ist es mir dann abhanden gekommen, was ich bis heute sehr bedauere. Aber im Nachhinein kann man sagen, es hat sich mehr als bezahlt gemacht und was aus der Erfahrung hängen geblieben ist: es macht durchaus Sinn weniger, teurere, aber dafür „geliebte“ Kleidungsstücke zu besitzen.

Wie bist du zu dem Thema „Slow Fashion“ gekommen?
Silke: Seit wann gibt es eigentlich diesen Begriff Slow Fashion? Einfach aus dem Bauch heraus würde ich es so einordnen, dass es eine neue Bewegung ist, ein Trend der absolut Sinn macht. Eine kleine Gegenbewegung, die sich gegen die schnelllebige und profitorientierte Modeindustrie richtet. Gegen die Ausbeutung von Ressourcen und besonders gegen die Ausnutzung von schlecht bezahlten Arbeiter_innen in den Ländern des Südens. Das Thema ist nach dem furchtbaren Rana Plaza Fabrikunglück, 2013 in Bangladesch stark in unser Bewusstsein gerückt (worden).

Schrecklich, dass so etwas erst passieren musste, um die Textilindustrie endlich wachzurütteln ethisch zu handeln.

Durch entsprechende Regularien hätten Standards geschaffen und Vorkehrungen getroffen werden können, die das Eintreten eines  solchen Unglücks verhindert hätten!

Auch mir hat das wieder die Augen geöffnet. Es ist unbequem über sowas nachzudenken, weil man sich dann mehr oder weniger gezwungen sieht etwas an dem eigenen Verhalten ändern zu müssen. Ich sehe aber gerade mich (uns) in der Pflicht das zu tun, ich muss mich diesen unbequemen Themen stellen, sonst ändert sich nichts für die betroffenen Menschen. Das ist auch meine Verantwortung.

Ich war kürzlich bei einem Vortrag zu dem Thema Slow Fashion und bin ziemlich ernüchtert dort herausgekommen.

Die Entstehungsgeschichte eines Kleidungsstückes ist alles andere als transparent und sehr vertrackt und schwierig zu durchschauen.

Am meisten enttäuscht bin ich darüber, dass der Einzelhandel immer den gleichen prozentualen Anteil an einem Kleidungsstück erhält. Ganz gleich, ob es konventionell hergestellt oder Fair Trade ist. Wenn ich ein faires T-Shirt kaufe, dann möchte ich eigentlich das meiste des Geldes bei den Menschen wissen, die die Rohstoffe dafür ernten, die die Stoffe weben und die daraus das T-Shirt nähen. Und dass das Geld auch dafür verwendet wird, die Arbeitsbedingungen dieser Menschen zu verbessern. Dass lediglich der Zwischenhandel beispielsweise aus der Rechnung herausfällt, das reicht mir noch nicht. Dadurch erhalten die Menschen am Anfang der Produktionskette fairere Preise. Aber – wieviel fairer eigentlich?

Was ich wahrnehme, sind mehr oder weniger halbherzige Aktionen großer Modemagnate, neue Standards für die Arbeitenden zu schaffen, so öffentlichkeitswirksam wie nur möglich, um vor allem den eigenen Ruf und das Image der eigenen Marke zu retten. Ich traue der Sache einfach nicht. Und mit dieser kritischen Haltung und auch, weil ich keine Möglichkeiten sehe, die Missstände vor Ort zu überprüfen, muss ich für mich Konsequenzen ziehen. Das kann ich am besten dadurch, dass ich mein eigenes Kaufverhalten überdenke und auch ändere. Das ist nicht immer einfach und es funktioniert auch nicht immer. Aber es ist ein Weg, den ich weiter verfolgen möchte. Und der neu aufgekommene Slow Fashion Trend kommt mir hier sehr gelegen. Was sich da momentan entwickelt, in den Köpfen von modernen Leuten und bei Startups ist teilweise wirklich phantastisch. Zum Beispiel, dass man Mode auch leihen kann.

Das Thema Slow Fashion kommt sinnvollerweise auch mit einem zweiten neuen Trend, dem Minimalismus, daher. Und diese beiden Trends ergänzen sich auf wundersame Weise.

Warum ist es dir wichtig, dass deine Kleidungsstücke eine Geschichte haben?
Silke: Es ist mir nicht per se wichtig, aber ich mag es wenn es sich so ergibt.

Wenn meine Kinder, als sie klein waren, Strampelhosen getragen haben, die schon ihr Papa als Kleiner anhatte, dann finde ich das einfach wunderschön.

Oder wenn jemand verreist und mir ein Kleidungsstück von sich da lässt, dann fühlt sich das nah an. Mit 18 habe ich gerne die Wildlederjacke von meinem Vater getragen, weil es cool war und mich stark machte. Inzwischen habe ich ein paar Kleidungsstücke, die ich von Reisen mitgebracht habe. Eine bestickte Tunika aus Paris, eine Vintageschürze aus New York, eine Stofftasche aus Italien, usw. Sachen die ich nie weggeben könnte. Weil ich sie mit schönen Erinnerungen an diese Reisen verbinde und wie es sich angefühlt hat dort zu sein.

Ansonsten sehe ich es (abgesehen von meinem Fiorucci T-Shirt) eher nüchtern und gebe Kleidung, die ich nicht mehr brauche, entweder in Second Hand Läden oder Diakonieläden ab. Was nicht mehr zu gebrauchen ist, kommt auf den Wertstoffhof. Wenn aus einem Stoff noch eine Tasche genäht werden kann, dann ist das einfach toll. Dann erfüllt es ab sofort einen neuen Zweck.

Es geht doch im Prinzip immer darum, dass wir mit Material bewußt umgehen und nicht nur blind einkaufen und bald wieder wegwerfen.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann hat ja fast jedes Kleidungsstück entlang der Wertschöpfungskette seine Geschichte. Und reist dabei um die halbe Welt. Leider. Diese anonymen Geschichten sind mir überhaupt nicht wichtig.

Wie empfindest du den heutigen Modemarkt und den Umgang mit Kleidung?
Silke: Der heutige Modemarkt ist schnelllebig. Keine Ahnung, wieviele Kollektionen die großen Mode Handelsketten pro Jahr herausbringen. Aber es gibt anscheinend genug Leute, die modisch immer auf dem neuesten Stand sein wollen und diese Kollektionen sehnsüchtig erwarten. Außerdem lassen wir uns leicht von der Werbung beeinflussen und je nachdem über welche Marken ein renommierter Blog berichtet, werden ab sofort diese Marken zum neuen Must have erhoben. Ich habe davon einmal einen Eindruck bekommen, als H&M zusammen mit Kenzo eine Kollektion herausgebracht hat. Aus reiner Neugier habe ich mich zum Verkaufsstart auf der Seite eingewählt. Der Internetserver des Shops war so stark ausgelastet, dass man kaum eine Chance hatte, in den Onlineshop zu kommen. Kurz darauf wurden die ruckzuck ausverkauften Waren für viel höhere Preise bei ebay versteigert. Interessante Erkenntnis. Es gibt einen großen Markt in diesem Segment. Auch leben viele Menschen von unserem Modemarkt. Ob das nun z. B. die Produzenten einer Marke, die Einzelhandelsverkäufer, die Boutiquen oder die Blogger sind. Sie alle werben dafür, dass wir mit der Mode mitgehen. Ich behaupte mal, die Masse macht sich keine Gedanken über die Herkunft ihrer Kleidung.

Was den Umgang mit Kleidung angeht, möchte ich nicht den Moralapostel spielen. Ich denke jeder hat so seine Lieblingsstücke, die länger im Schrank bleiben und seine Schrankhüter, die entweder nie oder nur ganz selten getragen werden. Den Umgang mit Kleidung und wie bewußt er gelebt wird muss schließlich jeder mit sich selbst ausmachen.

Was für eine Rolle wird Mode deiner Meinung nach in der Zukunft spielen? Was wird bleiben, was wird sich wandeln?
Silke: Ich denke, dass Mode auch in Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen wird. Das ist auch wichtig. Sie ist ein Bestandteil von Kultur. Ich hoffe aber sehr, dass Mode insgesamt langsamer wird und Menschen wieder stilbewusster werden. Es ist immer so, dass die Nachfrage das Angebot steuert und so den Markt reguliert.

Wenn Mode wieder Facetten bekommt, die nicht von großen Industrien diktiert werden, dann wird aus dem kollektiven Einheitsbrei langsam aber sicher wieder das, was ich unter Mode verstehe.

Ich nehme allerdings wahr, das besonders die jüngere Generation sehr viel Spaß am Einkaufen von Kleidung hat. Es ist schick, sich in Umkleidekabinen zu fotografieren und in den sozialen Medien direkt die neuesten Schnäppchen zu posten. Je mehr Likes, umso offensichtlicher die Anzahl der Fans von Fast Fashion. Das macht neben der Slow Fashion Bewegung leider noch den größeren Teil einer Modebewegung aus und wird sich vermutlich in naher Zukunft nicht ändern.

Insgeheim hoffe ich natürlich, dass immer mehr Menschen auf den Gedanken der Nachhaltigkeit, auf ein Weniger ist Mehr, aufspringen und einen bewußten Umgang mit Mode und Kleidung für sich wählen.

Mein Gefühl ist, dass es keinen schnellen Wandel in diese Richtung geben wird, aber wie heißt es so schön: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Foto: Kathrin Ahäuser

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