Take me back to the 70’s oder: Das große Ganze liegt im Detail

Kunst aus Stoff-Mustern

Es ist ein textiles Leben, das Manfred Hunger gelebt hat – und noch immer lebt. Hunger ist 1944 geboren. Sein Leben lang hat er in der Textilbranche gearbeitet und wurde früh durch seine Familie ‚textil geprägt‘. Seine Geschichte enthält fast alle großen Namen der Bielefelder Textilindustrie. Schon sein Großvater war Schneider, am Johanniskrankenhaus in Bielefeld, und hat sich während der Großen Depression selbstständig gemacht. Seine Großmutter hat in der Hechelei gearbeitet, die in Bielefeld heute vor allem als Party-Location bekannt ist, damals aber ein Ort härtester körperlicher Arbeit war. Hungers Vater war erst bei Dürkopp beschäftigt, bevor er sich nach dem Krieg mit einem Heimtextilgeschäft in Bielefeld selbstständig machte. Dieses Geschäft war einer der wichtigsten Orte in der Kindheit Hungers. Ob es das Ofenanheizen vor der Schule war oder die vielen Frauen, die – vor allem abends – in das Geschäft kamen, weil sein Vater eine Maschine besaß, um Laufmaschen in Nylonstrümpfen zu versiegeln. Am Wochenende vor Feiern und Parties kamen sie alle, um sich schnell noch die Strümpfe reparieren zu lassen.

Das Geschäft wuchs trotz der schwierigen wirtschaftlichen Umstände der Nachkriegszeit und wurde auf die Produktion und den Verkauf von Blusen erweitert – und die Familie machte sich einen Namen in der Stadt. Die „Hubi Blusen“ waren jeder Bielefelderin und jedem Bielefelder ein Begriff. Und so stand es für Manfred Hunger ohne Diskussion fest, dass auch er in die Textilbranche einsteigen würde. Nach einer kaufmännischen Ausbildung bei Seidensticker besuchte er die renommierte Textilfachschule in Nagold. Er kehrte nach Bielefeld zurück und eröffnete mit gerade mal 26 Jahren sein eigenes Geschäft, in dem er exklusive französische Mode verkaufte.

Doch das reichte ihm nicht. Als er zufällig ein Angebot einer großen Blusen-Firma erhielt, zögerte er nicht lange. Dort übernahm er zunächst die Vertretung fürs Ruhrgebiet, war aber zunehmend auch im Design und der Kollektionsgestaltung tätig und im „kreativen Einkauf“ für alle Produktreihen der Damenoberbekleidung. Der „kreative Ankäufer“ wurde sein Spitzname.

Für den Einkauf von Stoffen reiste Hunger um die ganze Welt. Er hat die Produktion in China, Japan, Indien und auf den Philippinen vorangetrieben und war oft vor Ort, um die Produktion zu kontrollieren. Er erinnert sich an eine Episode besonders. Er war in China, um die dortige Produktion zu besichtigen.

Auf der Straße wurde auf der einen Seite ein Schwein geschlachtet und das Blut floss auf die Straße, auf der anderen Seite wurde ein Motor repariert und das Öl floss ebenso auf die Straße. Blut und Öl vermischten sich. Der denkbar schlimmste Ort, um weiße Blusen herzustellen.

Durch diesen Schmutz gelangte er in das Haus, in dem in einem der oberen Stockwerke die Blusen-Produktion stattfand – ein extremer Kontrast. Und dennoch funktionierte die Produktion blütenweißer Blusen im Umfeld von Schmutz – ein Bild, das sich eingeprägt hat. 25 Jahre hat er diesen Job gemacht, überall auf der Welt.

Mit ca. 50 Jahren hat er dann noch einmal den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und mit italienischen Stoffherstellern Stoffe entwickelt, er war der Vermittler zwischen der technischen Stoffentwicklung (z.B. atmungsaktive Stoffe, die sich an der Struktur der menschlichen Haut orientieren) und der Modebranche. Wieder etwas völlig anderes, wieder hat er Spannendes erlebt, viele Menschen kennengelernt und aus jeder Begegnung dazu gelernt.

Es ist ein Leben voller textiler Erfahrungen und unterschiedlichster Arbeiten, in dem er viel gelernt hat. Heute ist Manfred Hunger zwar in Rente, doch die Begeisterung für Stoffe und textile Themen, die ihn sein Leben lang begleitet hat, hat ihn nie losgelassen – und hat einen beachtlichen Fundus an Materialien hinterlassen. Aus seiner Zeit als „kreativer Ankäufer“ hat er viele, sehr viele Wickelmuster. Wickelmuster sind Musterkarten mit Garnen, um zu sehen, wie für Karomuster unterschiedliche Garne und Farben zusammen welchen Farbeffekt haben und so zu entscheiden, welche Farbmusterung für die kommende Blusen-Kollektion gewählt wird.

Was uns in Zeiten von schnellster Technologie und Digitalisierung beinah fremd erscheint, war in den 70er Jahren das Mittel, um Farbverläufe und -effekte überhaupt planbar zu machen.

Heute passiert das alles natürlich elektronisch, mit aufwändigen Computerprogrammen, die nichts unvorhersehbar lassen.

Umso interessanter ist es, sich diese Wickelkarten genauer anzuschauen. Sie sind fein gearbeitet, sehen aus, wie ein fertig gewebter Stoff. Erst bei genauerem Hinsehen, sieht man die feinen Garnfäden, streicht darüber und fühlt die vielen Schichten, in denen die Fäden übereinandergelegt sind und so eine neue Farbe und ein Muster hervorbringen. Hunger will nicht, dass diese Musterkarten ungesehen und nutzlos auf dem Speicher in Vergessenheit geraten. Deswegen stellt er sie zu großen Collagen zusammen, meist ordnet er sie farblich und kreiert so ein Bild, das einerseits farblich angeglichen und zusammengehörig erscheint, bei genauerem Hinsehen aber die Vielheit der Einzelteile offenbart.

Man möchte näher herantreten, die Karten berühren, um wortwörtlich begreifen zu können, wie dieses große Ganze aus dem Kleinen entstanden ist.

Seine Kunstwerke funktionieren als Metapher für das, was wir heute so oft vergessen – dass jedes unserer Kleidungsstücke das Ergebnis von vielen einzelnen Fäden ist, die zusammengebracht werden und ein stimmiges Ganzes ergeben, das wir dann auf dem Körper tragen, das wir aber nie so genau ansehen. Auch dazu animieren Hungers Collagen.

Fotos: Manfred Hunger

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